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Funktionen wiederherstellen: Reparatur im Nervensystem bei Multipler Sklerose

Anti-LINGO, ABT-555, Schilddrüsenhormone und Stammzellen: Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V. stellt im zweiten Teil der Serie zur Jahrestagung des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) weitere interessante Forschungsergebnisse vor.
Mehr als 9.000 Teilnehmer diskutierten auf der diesjährigen ECTRIMS-Jahrestagung in Barcelona den Stand aktueller Studien und verschiedener Forschungsansätze zu Grundlagen und Therapien der Multiplen Sklerose:
Teil 2 widmet sich dem Thema“Funktionen wiederherstellen: Reparatur im Nervensystem“.

Ein Schilddrüsenhormon für die Reparatur?

Dr. Dennis Bourdette von der Universität Oregon konnte die Myelinreparatur bei Mäusen mit Hilfe eines experimentellen Wirkstoffes, Sobetirome genannt, beschleunigen. Es handelt sich dabei um ein einem Schilddrüsenhormon ähnliches Hormon, das in anderen klinischen Tests zurzeit dahingehend untersucht wird, ob es den Cholesterinspiegel senken kann. Es ist bekannt, dass das Schilddrüsenhormon die Leistungsfähigkeit myelinbildender Zellen steigern kann. Jedoch ist das Hormon selbst nicht dazu geeignet, MS zu behandeln, da es beträchtliche Nebenwirkungen auf Herz, Knochen und Muskeln hat. Sobetirome als synthetische Substanz kann ohne diese Nebenwirkungen agieren und wird daher zurzeit in MS-Tiermodellen getestet. Da es bereits für eine andere Indikation in klinischen Studien ist (also am Menschen getestet wird), könnte ein Nachweis von Sicherheit und Wirksamkeit bei MS weniger Zeit benötigen als generell bei neuen Wirkstoffen üblich.  Zum Abstract

Reparatur durch ABT-555?

Dr. Bernard Mueller und Kollegen berichteten über ihre Ergebnisse mit einer experimentellen Therapie mit einem Wirkstoff, ABT-555 genannt. Es handelt sich dabei um einen Antikörper, der gegen ein Signalmolekül imNervensystem gerichtet ist. Wenn ABT-555 an Mäuse verabreicht wurde, die an einer MS-ähnlichen Erkrankung litten, erholten sich die Tiere von ihrer Krankheit. Es wurden sowohl Nachweise für Myelinreparatur als auch für eine Wiederherstellung von Nervenfortsätzen in Rückenmarksläsionen gefunden. Derzeit werden erste Tests mit ABT-555 bei gesunden Freiwilligen und MS-Erkrankten durchgeführt. Zum Abstract

Netzwerk testet mesenchymale Stammzellen (MSC`s)

MSC`s sind Vorläuferzellen des Bindegewebes, die sich fast überall im Körper nachweisen lassen und die ein sehr hohes Vermehrungs- und Differenzierungspotential haben. Im Zusammenhang mit MS werden sie vielfach auf ihre Fähigkeit hin untersucht, das körpereigene Reparaturvermögen im Nervensystem zu verbessern. Eine bedeutende Hürde für diese Untersuchungen ist es, dass verschiedene Forscherteams unterschiedliche Behandlungsprotokolle verwenden. Das macht es schwierig, Ergebnisse zu vergleichen und zu bestätigen. Auch ist es nicht leicht, für diese Stammzellstudien genügend Studienteilnehmer mit entsprechenden Voraussetzungen zusammenzubringen.

Nun soll ein Gemeinschaftsprojekt dieses Problem beheben. „MESEMS“ ist ein Netzwerk von Studien, die alle dem gleichen Protokoll folgen und die ihre Daten und MRT-Bilder an zentrale Orte weitergeben, wo eine übergreifende Analyse vorgenommen wird. So kann die Anzahl der Studienteilnehmer vergrößert und aussagekräftigere Ergebnisse erreicht werden. Das Netzwerk plant, 160 Studienteilnehmer aus Europa und Kanada einzuschließen. Rekrutiert werden sollen Patienten mit allen Verlaufsformen der MS, wobei es allerdings erforderlich ist, dass sich bei ihnen noch Anzeichen einer aktiven Erkrankung bzw. Entzündung nachweisen lassen.

Neue Resultate zu Anti-LINGO

Vor einigen Monaten gab es vielversprechende Ergebnisse aus einer Phase II-Studie zur Myelinreparatur mit Anti-LINGO.

Diese Studie hatte die Wirkung 4-wöchiger intravenöser Infusionen von Anti-LINGO gegen Placebo bei 81 Personen mit Sehnervenentzündunguntersucht. Insgesamt dauerte die Studie 20 Wochen. Mit dem Ergebnis, dass die Studienteilnehmer, die den Wirkstoff bekommen hatten, schnellere und bessere Nervensignale zeigten als diejenigen unter Placebo. Nun berichtete die Herstellerfirma, dass in einer Teilstudie mit 39 Teilnehmern diejenigen mit anti-LINGO auch in dem nicht von der Entzündung betroffenen Auge einen geringeren Verlust an der Stärke des Nervensignals zeigten. Das weist darauf hin, dass Anti-LINGO weitere wirksame Eigenschaften besitzen könnte. Insgesamt wurde die Therapie gut vertragen, ausgenommen sind einige Infusionsreaktionen. Derzeit läuft eine weitere Phase II-Studie mit Patienten mit schubförmiger MS.

Wie zumeist auf diesen großen Konferenzen sind viele der präsentierten Ergebnisse vorläufiger Art, müssen zum Teil noch bestätigt und letztlich auch in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Sie zeigen aber allemal, welch immense Anstrengungen weltweit unternommen werden, um den Geheimnissen der Erkrankung Multiple Sklerose auf die Spur zu kommen und Fortschritte bei deren therapeutischer Bewältigung zu erzielen.

Im ersten Teil der ECTRIMS-Serie des DMSG-Bundesverbandes lesen Sie Aktuelles zu Therapien für die progressiven Formen der MS, die Wirkstoffe Alemtuzumab und Ocrelizumab: „MS aufhalten – Neues zu Therapien“.

Quelle: National Multiple Sclerosis Society – 21. Oktober 2015
Redaktion: DMSG Bundesverband e.V. – 02. November 2015

By | 2016-04-15T15:33:52+00:00 April 15th, 2016|Multiple Sklerose, News|Kommentare deaktiviert für Funktionen wiederherstellen: Reparatur im Nervensystem bei Multipler Sklerose
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