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Die eingebildeten Kranken

Die Zahl der Hypochonder steigt. Informationsflut, vor allem durch das Internet, fördert das Problem

Sie steht vor dem Spiegel und sucht das Weiße in ihren Augen nach Verfärbungen ab. Die Chinesen, das hat sie mal gehört, können in den Augen eines Menschen erkennen, an welcher Krankheit er leidet. Sachen, von denen sie mal gehört oder gelesen hat, in der „Apothekenumschau“ oder im Internet, und die mit Krankheiten zu tun haben, vergisst sie leider nie. Sie steht oft vor dem Spiegel und sucht sich nach den Zeichen lebensbedrohlicher Krankheiten ab. Jeden Tag. Mehrmals.

Sie ist Ende 40, seit 30 Jahren lebt sie mit schwersten Krankheiten. Mit Krebs in verschiedenen Formen, einem Herzleiden, Multipler Sklerose, Parkinson. „Hatte ich alles schon“, sagt sie. Es ist ja mehr als nur eine Angst. Sie spürt jedes Mal die Symptome. Ganz deutlich. In all den Jahren ist sie tatsächlich nie schwer krank geworden. Und war es doch die ganze Zeit. Deswegen der Drehstuhl, deswegen die Therapie, zu der diese Übung gehört. Es ist ihre dritte Therapie, die Krankheit heißt Angst, genauer gesagt: Krankheitsangst.

Viele googeln inzwischen ihre Symptome, wenn es ihnen nicht gut geht, bevor sie zum Arzt gehen oder auch danach, wenn sie der Diagnose nicht trauen. Zwischen sieben und zehn Prozent der Erwachsenen leiden gelegentlich unter Krankheitsängsten, machen sich Sorgen, dass mit ihnen etwas nicht stimmen könnte. Von der schwersten Form, der Hypochondrie, ist schätzungsweise einer von 200 Erwachsenen betroffen.

Das Wort Hypochonder steht im Weg, wenn man Menschen verstehen will, die Hypochonder sind. Niemand möchte ein eingebildet Kranker, ein Spinner sein. Dabei ist es zu einer Hauptaufgabe unserer Zeit geworden, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, Krankheiten vorzubeugen. Wer sich gehen lässt, wer raucht, zu fett isst, vor der Fernreise nicht den Impfstatus checkt, kann mit Ermahnungen rechnen. Wer krank wird, hat etwas falsch gemacht.

Die Psychotherapeuten Gaby Bleichhardt und Florian Weck vermuten in ihrem gerade neu erschienenen Fachbuch über Hypochondrie und Krankheitsangst, dass diese Störungen zunehmen. Nie gab es so viele leicht zugängliche Informationen über Krankheiten, über das Internet kommt jeder an Fachartikel, in Foren kann man massenhaft persönliche Leidensgeschichten nachlesen. Die Hypochondrie galt als Teil einer Persönlichkeitsstörung oder Depression – und als kaum therapierbar. Heute hat sich in der Psychologie jedoch die Ansicht durchgesetzt, dass die obsessive Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit zu den Angststörungen zählt. Der inzwischen verbreitete Begriff „Krankheitsangst“ stigmatisiert die Betroffenen weniger und gibt Hoffnung. Angststörungen sind meist gut behandelbar.

Das gelte auch für die Krankheitsängste, sagt Josef Bailer. Er ist der Therapeut der Frau, die vor dem Spiegel ihre Augen prüft. Der klinische Psychologe am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat sich auf die Behandlung von „extremen Krankheitsängsten“ spezialisiert und führt Studien dazu durch. Seiner Patientin hilft keine Computertomografie, kein Blutbild und kein Test beim Neurologen. Heißt ein unauffälliger Befund denn, dass wirklich nichts ist? Menschen müssen lernen, mit einer gewissen Ungewissheit zu leben.

Die Krankheitsangst erkennt man an typischen Verhaltensweisen, erklärt Bailer. Etwa der Rückversicherung – sie beobachten unablässig den eigenen Körper, gehen sehr oft zum Arzt oder zu Heilern, durchforsten das Internet nach Krankheitsinformationen – oder der Vermeidung. Die imaginierten Krankheiten unterliegen Moden. So breitete sich die Nervenkrankheit ALS im vergangenen Sommer in den Köpfen vieler Angstpatienten aus. Auch sie hatten gesehen, wie sich Promis bei der „Ice Bucket Challenge“ mit Eiswasser übergossen. Mit der Wasseraktion sollte auf die unheilbare Krankheit hingewiesen und Geld für die Forschung gesammelt werden. Die Ängstlichen lasen die Berichte – und fanden bald erste Symptome bei sich.

„Viele Betroffene berichten über dramatische Erfahrungen mit Krankheiten in ihrem Umfeld, was möglicherweise ein weiterer Risikofaktor für die Ausbildung von Krankheitsängsten ist“, sagt Josef Bailer. Bei der Hausfrau war es der Krebstod einer guten Freundin nur Monate nach der Diagnose. Bei jeder Bewegung schmerzte der Frau nun plötzlich die rechte Seite. Der Hausarzt fand keine Metastasen, aber eine heftige Muskelblockade im Rücken – als Folge ihrer Angst und Verspannung. In der Zeitung fand sie schließlich einen Hinweis auf die Ambulanz von Josef Bailer.

Am besten hilft die „kognitive Verhaltenstherapie“. Sie sucht nicht nach Ursachen in der Kindheit. Es geht darum, Denkmuster und festgefahrene Überzeugungen zu verändern und ein neues Verhalten einzuüben. Bei Angststörungen macht man das häufig mit der sogenannten Expositionstherapie. Die Patienten müssen sich den Dingen aussetzen, vor denen sie Angst haben.

Quelle: Die Welt

By | 2015-05-06T19:48:56+00:00 März 31st, 2015|Erkrankungen, News|0 Comments
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