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Multiple Sklerose – die Möglichkeiten der physiotherapeutischen Neurorehabilitation

Um die Möglichkeiten der physiotherapeutischen Behandlungsoptionen zu verstehen, bedarf es einer detaillierten Besprechung des Krankheitsbildes, da die therapeutischen Ansatzpunkte ganz individuell und bedarfsorientiert erstellt werden müssen. Dies setzt einerseits Wissen in der Symptomatik und andererseits eine sehr sorgfältige physiotherapeutische Befunderhebung voraus.

Bei über 60% der Patienten treten die ersten Krankheitssymptome zwischen dem 20. und dem 40. Lebensjahr auf. Eine familiäre Häufung ist bekannt, wobei kein einheitliches Vererbungsmuster vorliegt.

Symptome: Entmarkungsherde können in allen Teilen des ZNS auftreten. Dadurch kommt es aber zu verschiedenen Zeiten zu sehr variablen Symptomkombinationen. Am häufigsten sind die sensomotorischen Störungen, die Spastik sowie Paresen, die fast immer kombiniert mit Koordinationsstörungen (Ataxie) auftreten können. Häufig und früh im Verlauf sind Sehstörungen (Opticusneuritis) mit guter Rückbildungstendenz, Nystagmus und Störungen von Mobilität. Nicht selten treten schon im frühen Stadium Blasenentleerungstörungen, Obstipation und Beeinträchtigung der Sexualfunktion auf. Sehr früh – und oft übersehen- sind abnorme Ermüdung und leichte kognitive Störungen.

Bei den psychischen Störungen treten neurotische Reaktionen und depressive Verstimmungen am häufigsten im mittleren Lebensabschnitt auf, während dementive Störungen spät im fortgeschrittenen Stadium der MS an Häufigkeit zunehmen.

Die Symptome der Multiplen Sklerose nach Häufigkeit des Auftretens:

Sensomotorische Störungen:

Spastizität:

  • Obere Gliedmaßen 42%
  • Untere Gliedmaßen 73%

Paresen: Obere Gliedmaßen 40%
Untere Gliedmaßen 64%
Ataxie: 78%
Gliedkoordination: Obere Gliedmaßen 69%
Untere Gliedmaßen 74%
Sensibilität: Obere Gliedmaßen 40%
Untere Gliedmaßen 72%
Tremor: 36%
Hirnnerve- und
Hirnstammläsionen: Visus 43%
Augenbewegungen 64%
Andere Hirnnerven 30%
Bulbäre Störungen 35%
Schwindel 20%
Störungen der autonomen
Nervensysteme: Blase 67%
Darm 50%
Sexualfunktion 48%
Vasomotorik 41%
Schmerz 32%
Ermüdbarkeit 62%

Die o.a. und nach ihrer Häufigkeit beschriebenen Symptome müssen nun in der Befunderhebung sorgfältig erkannt werden, um gezielte physiotherpeutische Maßnahmen situationsgerecht anbieten zu können.

Besonderheiten bei der physiotherapeutischen Befunderhebung:

  1. Gleichgewicht: Test im Sitz, Stand, Einbeinstand, Kniestand
  2. Stabilität: Sind die unter „Gleichgewicht“ genannten Positionen auch gegen Widerstände oder bei Labilisierung der Unterstützungsfläche stabil?
  3. Tiefensensibilität: Getestet werden zuerst die kleinen, dann die großen Gelenke
  4. Ganganalyse: Besteht ein breitbeiniger oder ataktische Bewegungen in der Spielbeinphase?
  5. Koordinationsprüfung

Aus den oben genannten diagnostischen Schritten lassen sich somit die effektiven Therapiebedürfnisse des Patienten erheben und es werden physiotherapeutische Maßnahmen ergriffen:

•Koordinierte Bewegungen der Extremitäten
•PNF (dynamische Umkehr, rhythmische Stabilisation, betonte Bewegungsfolge, Widerstand, Kontakt mit Unterstützungsfläche)
•Konzentrative Bewegungsführung (langsame Bewegung gegen Führungswiderstand unter Blickkontakt, langsame und bewusste aktiv-passive Bewegungsführung durch den Therapeuten unter Blickkontakt und verbaler Unterstützung
•Kontaktbewegungen (Patient hält den Kontakt z.B. mit seiner Handfläche an der Hand des Therapeuten und folgt den Bewegungen). Der Therapeut kann durch die Intensität des Kontaktes und durch die Bewegungseinrichtungen den Schwierigkeitsgrad bestimmen.
•Bewegungen gegen einen gedachten Widerstand
•Bewegungen auf einer Unterstützungsfläche, z.B. einer Wand, auf dem Boden etc.Sichere Bewegungsübergänge
•Mattenprogramm
•Wenn der Intentionstremor nicht mehr zu kontrollieren ist: Einschulen von Ausgangsposition
•Bestmögliches Gleichgewicht
•Stabilisierung einer Ausgangsposition
•Sicheres Gangbild
•Gehen unter Rumpfspannung oder mit Hilfen
•Bestmögliches Lageempfinden
•Konzentratives Nachempfinden der Gelenksstellung mit geschlossenen Augen
•Stimulierung der Gelenksrezeptoren
•Halten der Position eines Gelenkes mit geschlossenen Augen ohne Bewegung und Absinken.
Aus den Symptomen und der sich daraus ergebenden situationsgerechten Therapieansätze müssen sowohl die Diagnostik als auch die Therapie unter sehr sorgfältigen Voraussetzungen und einer umgebungspositiven Situation erfolgen. Die Rolle der Physiotherapie in der Behandlung der multiplen Sklerose ist sicher ein wichtiger Therapieansatz. Die Erforschung von Immunglobulinen, Betaferonen und anderen neuen Substanzen muss mit aller Macht vorangetrieben werden, um den betroffenen Patienten eine kausale (ursachenspezifische) Therapie zukommen zu lassen.

Quelle: Dr. Walter Pichler
Arzt für Allgemeinmedizin
Ärztlicher Leiter des Physiotherapie-Instituts Knabl, Leoben

By | 2015-11-06T12:18:16+00:00 Januar 15th, 2015|Forschung|Kommentare deaktiviert für Multiple Sklerose – die Möglichkeiten der physiotherapeutischen Neurorehabilitation