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Stellungnahme: Masern-Impfung und MS 

Stellungnahme des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e.V. zum Thema: Masern-Impfung und MS 

Unter Berücksichtigung der jüngsten Ausbrüche von Masernerkrankungen in Deutschland (insbesondere in Berlin) und in den USA stellt sich die Frage, ob notwendige Auffrischungsimpfungen bei Multiple Sklerose-Patienten sicher sind und ohne Gefahr für eine Schubauslösung durchgeführt werden können.

Masern-Infektion

Aufgrund der möglichen Komplikationen einer Maserninfektion bis hin zur Gefahr einer tödlich verlaufenden „Subakut sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE)“ ist die Masernimpfung eine von der ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlene wichtige prophylaktische Maßnahme. Wie bei anderen schwerwiegenden, fieberhaften Infektionserkrankungen besteht für MS-Erkrankte das Risiko, dass eine Maserninfektion Schübe und „Pseudoschübe“ auslösen kann [1].

Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einer Maserninfektion und der Entstehung der Multiplen Sklerose besteht nach heutiger Kenntnis nicht.

Masern-Impfung und MS

Prinzipiell empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch Instituts zwei Impfungen gegen Masern im Rahmen einer Kombinationsimpfung mit Mumps und Röteln ab dem 11. Lebensmonat (MMR-Impfung). Bei nach 1970 geborenen Erwachsenen, die keine zwei dokumentierten Masern Impfungen nachweisen können oder nie an Masern erkrankt waren, sollte der Impfschutz durch Impfung sichergestellt werden
(https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Empfehlungen/Impfempfehlungen_node.html).
Die Verträglichkeit einer Masernimpfung bei MS wurde nicht systematisch untersucht [1]. Die bisher vorliegenden Befunde lieferten aber keine Hinweise, dass MS-Patienten die MMR Impfung schlechter vertragen als Gesunde. Eine Analyse der an das Paul-Ehrlich Institut (PEI) gemeldeten potentiellen Nebenwirkungen nach einer Masernimpfung zwischen 2001 und 2012 erbrachte 5,7 gemeldete Nebenwirkungen auf 100 000 verabreichte Impfdosen. Die Manifestation einer MS wurde in dem untersuchten Zeitraum nicht beschrieben [2].

Ausgehend von der Stellungnahme der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) kann ein ursächlicher Zusammenhang zwischen MMR-Impfung und der Auslösung einer MS aufgrund geringer Fallzahlen weder belegt noch widerlegt werden [3].

Einer Cochrane-Analyse zufolge ist ein Zusammenhang der MMR-Impfung im Kindesalter und dem Auftreten von Autismus, Asthma, Leukämie, Pollenallergie, Typ 1 Diabetes, M. Crohn und insbesondere demyelinisierenden Erkrankungen unwahrscheinlich [4]. Das individuelle Risiko, eine MS zu entwickeln, bleibt einer Metaanalyse von Farez und Correale zufolge durch die MMR-Impfung unbeeinflusst [5].

Aussagekräftige Studien zur Schubaktivität von MS-Patienten nach einer MMR-Impfung liegen bis heute nicht vor [5].

Für MS-Patienten unter einer Immuntherapie wird die MMR-Impfung – wie andere Lebendimpfungen auch – als kontraindiziert angesehen [6].

Empfehlungen für MS-Erkrankte

Bei nach 1970 geborenen MS-Patienten sollte, wie bei allen anderen Erwachsenen, das Masernrisiko unter Berücksichtigung des beruflichen und sozialen Umfeldes (z.B. Eltern mit Kleinkindern, berufliche Kontakte mit Kindern oder Tätigkeit in medizinischen Einrichtungen) und der Impfstatus überprüft werden.
Falls eine Grundimmunisierung (zwei Impfungen) nachgewiesenermaßen erfolgt ist, oder falls eine Masernerkrankung bereits durchgemacht wurde, sind keine weiteren Maßnahmen notwendig.

Sind Impfungen nicht dokumentiert oder ist bisher nur eine Impfung erfolgt (keine vollständige Grundimmunisierung) oder wird eine frühere Masernerkrankung nicht erinnert, sollte, falls auch der Masern-Antikörpertiter negativ ist, eine Vervollständigung des Impfschutz entsprechend den Empfehlungen der STIKO erwogen werden. Die Indikationsstellung zur Impfung sollte durch den behandelnden Arzt nach individueller Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen.

Bei unbekanntem oder nicht rekonstruierbarem Impfstatus besteht zur Einschätzung des Impfschutzes aber prinzipiell die Möglichkeit der Masern-Antikörperbestimmung.

MS-Erkrankte, die mit Immuntherapeutika behandelt werden oder bei denen ein Immundefekt bekannt ist, sollten nicht MMR geimpft werden [6-9]. In diesen Fällen kann das Risiko einer Maserninfektion jedoch durch einen suffizienten Impfschutz des persönlichen Umfeldes (Angehörige) verringert werden, was die Notwendigkeit einer ausreichenden Impfquote in der Allgemeinbevölkerung und bei im Gesundheitssystem Tätigen zusätzlich unterstreicht.

Im Fall einer Masernexposition kann bei empfänglichen Patienten ohne ausreichenden Schutz schnellstmöglich (innerhalb von 2-6 Tagen) eine „passive Immunisierung“ mit Human-Immunglobulin erfolgen.

Autoren

 

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©DMSG-BUNDESVERBAND

Prof. Dr. med. Uwe Zettl,
Leiter Sektion Neuro-immunologie an der Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsmedizin Rostock und Mitglied im Ärztlichen Beirat der DMSG, Bundesverband e.V.

Dr. med. Alexander Winkelmann 
Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie,
Universitätsmedizin Rostock

PD Dr. med. Micha Löbermann 
Oberarzt am Zentrum für Innere Medizin, Abteilung für Infektiologie, Tropenmedizin und Sektion Nephrologie, Universitätsmedizin Rostock
Literatur

  1. Loebermann, M., et al., Vaccination against infection in patients with multiple sclerosis. Nat Rev Neurol, 2011. 8(3): 143-51.
  2. Mentzer, D., H. Meyer, and B. Keller-Stanislawski, Sicherheit und Verträglichkeit von monovalenten Masern- und kombinierten Masern-, Mumps-, Röteln- und Varizellenimpfstoffen. Bundesgesundheitsbl, 2013. 56: 1253-1259.
  3. CDC, Prevention of Measles, Rubella, Congenital Rubella Syndrome, and Mumps, 2013. MMWR, 2013. 62(4): 1-25.
  4. Demicheli, V., et al., Vaccines for measles, mumps and rubella in children. Cochrane Database Syst Rev, 2012. 2: CD004407.
  5. Farez, M.F. and J. Correale, Immunizations and risk of multiple sclerosis: systematic review and meta-analysis. J Neurol, 2011. 258(7): 1197-206.
  6. Rubin, L.G., et al., 2013 IDSA clinical practice guideline for vaccination of the immunocompromised host. Clin Infect Dis, 2014. 58(3): e44-100.
  7. Kim, D.K., et al., Advisory committee on immunization practices recommended immunization schedule for adults aged 19 years or older: United States, 2015*. Ann Intern Med, 2015. 162(3): 214-23.
  8. STIKO, Hinweise zu Impfungen für Patienten mit Immundefizienz. Epidemiol Bull, 2005. 11(Sonderdruck).
  9. Loebermann, M., et al., Immunization in the adult immunocompromised host. Autoimmun Rev, 2012. 11(3): 212-218.

 

Quelle: DMSG Bundesverband e.V. – 14. April 2015

By | 2015-05-06T10:19:05+00:00 April 14th, 2015|Multiple Sklerose, News|0 Comments