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Verwendung von Cannabinoiden bei Multipler Sklerose?

Stellungnahme des Ärztebeirates der österreichischen Multiple Sklerose-Gesellschaft, 2009

Prim.Dr.Ulf Baumhackl, Univ.Prof.Dr. Thomas Berger, Univ.Prof.Dr.Franz Fazekas, Univ.Prof.Dr.Siegrid Fuchs, Univ.Doz.Dr.Wolfgang Kristoferitsch, Univ.Prof.Dr. Hans Lassmann, Dr.Wolfgang Soukop, Univ.Prof.Dr. Karl Vass

Die MS ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Besonders zu Beginn der Erkrankung sind eine Reihe von Therapien sehr wirkungsvoll ( z.B. mit Interferon beta-Präparaten, Glatiramerazetat, Natalizumab und anderen Substanzen), die entzündlichen Vorgänge der Erkrankung können gebremst bzw. blockiert werden, man spricht von immunmodulierenden Effekten, da eine Beeinflussung des Immunsystems erfolgt. Erkrankungsschübe werden dadurch verhindert oder abgeschwächt.

Zu den Symptomen, welche die Lebensqualität sehr stark beeinflussen, gehören die Spastik (darunter versteht man eine unwillkürlich hervorgerufene Muskelspannung, insbesondere an den unteren Extremitäten) und Schmerzen (die bei MS direkt – sogenannte neuropathische Schmerzen – oder nur indirekt mit der Erkrankung zusammenhängen können, oder unabhängig von der MS bestehen). In diesen Fällen ist eine speziell auf diese Symptome orientierte Behandlung erforderlich und erfolgt in Form von Physiotherapie, antispastischen oralen (wie z.B. Lioresal oder Sirdalud) oder lokalen (zB. Botulinum Toxin Injektionen) Medikamenten, selten auch invasiven Maßnahmen (Baclofen-Pumpe). Nahezu zwei Drittel der MS-Patienten berichten in den vergangenen 12 Monaten Schmerzsyndrome gehabt zu haben, für 12% handelt es sich überhaupt um das schlimmste Symptom der Erkrankung (Pöllmann, 2004). Die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten sind nicht immer ausreichend, nach weiteren Therapieoptionen wird deshalb laufend gesucht.

Zahlreiche Forschungsprojekte untersuchen Maßnahmen, welche ein Fortschreiten der MS-Symptome durch eine Beeinflussung des Immunsystems bzw. über eine Neuroprotektion (darunter versteht man eine die Nervenzellen schützende Therapie) verhindern oder zumindest bremsen sollen.

Schon seit vielen Jahren liegen anekdotische Patientenberichte und Ergebnisse kleiner Therapiestudien über die Verwendung von Cannabinoiden bei MS vor. In Medien wurde von diesen Behandlungsmöglichkeiten berichtet und so verwundert es nicht, dass von Seiten der Betroffenen häufig nachgefragt wird. In den letzten Jahren wurde eine Reihe von Studien abgeschlossen, welche den Einfluss von Cannabinoiden auf Spastik und Schmerzen untersuchten. Darüber hinaus wurden in rezenter Zeit mehrfach tierexperimentelle Studien und Untersuchungen, welche in vitro ( d.h. in einem Reagenzglas, also außerhalb eines lebenden Organismus) durchgeführt wurden, veröffentlicht, welche positive Effekte im Sinne einer Immunmodulation und Neuroprotektion belegten. Natürlich sind derartige Untersuchungen allein nicht ausreichend, positive Effekte auch bei Patienten anzunehmen. Es handelt sich aber um hoffnungsvolle Therapieansätze, die möglicherweise in Zukunft gemeinsam mit den anderen verfügbaren Therapien zum Einsatz kommen können.

Der ärztliche Beirat der Österreichischen MS-Gesellschaft nimmt deshalb im Folgenden zu diesem Thema Stellung.

Unter Cannabinoiden werden die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze Cannabis verstanden. Cannabis wird auch zur Rauschgiftgewinnung verwendet, Haschisch wird das Harz, Marihuana werden die getrockneten Spitzen bezeichnet.

Cannabinoide vermitteln ihre Wirkungen über CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem und CB2-Rezeptoren an Zellen des Immunsystems (etwa T- und B-Lymphozyten).

Die therapeutische Verwendung von Cannabinoiden ist mancherorts bei MS-Patienten stark verbreitet (in England 8%, in Kanada 16%). Cannabinoide zeigen Auswirkungen auf den Spannungszustand der Muskulatur, die Schmerzverarbeitung, die Kontrolle von Bewegungsabläufen, die Blasenentleerung, die Psyche und auf Muskelkrämpfe.

Nachdem mehrere kleine Therapiestudien zur symptomatischen Therapie der Spastik, mit kurzer Beobachtungszeit und geringer Fallzahl widersprüchliche, nur zum Teil positive Ergebnisse erbrachten, wurde in Großbritannien eine Untersuchung bei 630 MS-Patienten durchgeführt, mit dem Hauptzielkriterium, eine positive Veränderung der Spastik zu erfassen, wobei Daten von 611 Patienten ausgewertet wurden. Diese Doppelblindstudie (CAMS: CAnnabinoids in MS) wurde 2003 veröffentlicht. Die Patienten wurden in drei Gruppen nach dem Zufallsprinzip geteilt: ein Drittel erhielt Cannabis-Pflanzenextrakt, ein Drittel THC (Tetrahydrocannabinol, der wirksamste Inhaltsstoff von Cannabis) und ein Drittel Placebo.

Die Auswertung nach 15 Wochen ergab für die objektive Bewertung der Spastik keine signifikanten Unterschiede in den drei Gruppen. Allerdings ist hier Kritik am Studiendesign angebracht. Die Untersucher verwendeten zur Beurteilung der Spastik die Ashworth-Skala, die zur Erfassung geringfügiger, für den Patienten aber bedeutsamer Verbesserungen nicht gut geeignet ist. Die subjektiven Bewertungen der Patienten sprachen hingegen für einen positiven Effekt der aktiven Substanzen (Verbesserung von Spastik, Schmerz, Muskelkrämpfen und Schlaf), allerdings war das Kriterium einer „doppelblinden“ Studie nicht voll gewährleistet, da Patienten und Ärzte aufgrund der Nebenwirkungen unterscheiden konnten, wer Placebo erhalten hatte. „Doppelblind“ bedeutet aber, dass weder Patient noch Untersucher wissen, wer welche Therapie erhält.

Eine Nachfolgeuntersuchung nach einem Jahr brachte weitere positive Wirkungshinweise, die Kritik am Studienkonzept blieb allerdings bestehen.

Weitere Cannabinoid-Studien mit geringerer Fallzahl, allerdings bis zu einem relativ langen Beobachtungszeitraum (Durchschnitt 434 Tage) wurden in jüngster Zeit abgeschlossen, mit einer Tendenz zu positiven Wirkungen auf Spastik und Schmerz bei einigen der Patienten. Abschließende Beurteilungen sind aber noch nicht möglich. Auch über die Risken einer Langzeittherapie ist noch zu wenig bekannt (Wade, 2006).

Für die Behandlung der MS werden Cannabinoide schon seit vielen Jahren in die Diskussion gebracht. Die Überlegungen beschränken sich nicht auf eine positive Beeinflussung einzelner Symptome wie Spastik und/oder Schmerzen. Zunehmend liegen Hinweise vor, dass eine regulierende Wirkung auch auf das Immunsystem (Immunmodulation) und eine Protektion von Nervenzellen im Sinne eines Schutzes vorliegen könnten. Es handelt sich allerdings um überwiegend tierexperimentelle Studien, diese positiven Eigenschaften können für MS-Patienten zur Zeit nur vermutet, nicht aber belegt werden. Die besonders bedeutsame Frage, ob diese vermuteten immunmodulierenden und neuroprotektiven Wirkungen von Cannabinoiden ein Fortschreiten der MS bremsen können, ist zur Zeit nicht beantwortbar. Die CUPID-Studie (Cannabinoid Use in Progressive Inflammatory brain Disease) ist in Großbritannien begonnen worden und untersucht an 493 Patienten, ob das Fortschreiten einer Funktionseinschränkung bei MS gebremst werden kann. Die Untersuchungen werden nicht vor 2012 abgeschlossen sein, da ein Beobachtungszeitraum von einigen Jahren zur Beantwortung dieser Frage erforderlich ist.

 

Ein weiterer hoffnungsvoller Ansatz für zukünftige Entwicklungen liegt bei neuen Substanzen, welche das sogenannte Endocannabinoid-System beeinflussen. Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten zeigten in Tiermodellen antientzündliche und neuroprotektive Wirkungen.

Ist der Einsatz von Cannabinoiden bei MS derzeit gerechtfertigt? Ohne Zweifel besteht von Seiten der Betroffenen eine hohe Bereitschaft, wie die Daten aus Kanada zeigen, wo 16% einen Behandlungsversuch unternommen hatten. Nur in Einzelfällen, in gewissenhafter Abwägung der Notwendigkeit einer weiteren Therapiemaßnahme zur Besserung von Spastik und/oder Schmerz bei MS, wenn andere Behandlungen nicht zufrieden stellend waren, und unter Beachtung der Nebenwirkungen und Risken einer Cannabinoid-Therapie, ist ein Therapieversuch in Zusammenarbeit mit einem MS-Spezialisten/einer MS-Spezialistin berechtigt. Eine überlegene Wirksamkeit von Cannabinoiden gegenüber üblicher Therapieverfahren kann aber nicht angenommen werden.

In Österreich sind das synthetische THC-Analogon Nabilone und das synthetische THC Dronabinol magistraliter (Suchtmittelrezept) verschreibbar. In angloamerikanischen Ländern sind die Präparate Marinol (THC), Cesamet (Nabilone) und Sativex-sublingualer Spray (eine Mischung von Pflanzenextrakt und THC) unter unterschiedlicher Zulassung verfügbar.

Nicht unterschätzt werden dürfen die Nebenwirkungen einer Cannabinoid-Therapie. In Abhängigkeit des Präparates sind Übelkeit, Mundtrockenheit, Blutdruckabfall, Veränderung der Stimmungslage, Antriebsmangel, Ermüdung, Appetitsteigerung, Störungen der Konzentration und des Kurzzeitgedächtnisses, Verschlechterung des Gleichgewichts, sowie selten Panikattacken, psychotische Reaktionen und epileptische Anfälle berichtet worden. Fragen der Abhängigkeit und der negativen Auswirkungen bei Einnahme in der Schwangerschaft können noch nicht ausreichend beantwortet werden.

Zusammenfassend kommen Cannabinoide für die Behandlung spezieller Situationen, wie nicht ausreichend behandelbare Spastik oder Schmerzsyndrome, nur in einzelnen Fällen („individueller Heilversuch“) über eine Verordnung und begleitende Betreuung eines/einer MS-Spezialisten/-in in Frage, obwohl sich die Datengrundlage in den letzten Jahren vermehrt hat. Es müssen weitere Studien abgewartet werden, bevor sich diese Einschätzung ändern kann.

 

Quelle: Die österreichischen Multiple Sklerose-Gesellschaft – 02.11.2015

By | 2015-11-24T02:03:10+00:00 November 2nd, 2015|Cannabis für Medizin, Erkrankungen|Kommentare deaktiviert für Verwendung von Cannabinoiden bei Multipler Sklerose?
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