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Depression und MS 2015-04-02T00:43:17+00:00
Von Eli Silber, Facharzt für Neurologie, King’s College Krankenhaus, London, GB

Multiple Sklerose kann sich auf viele Bereiche des Lebens der betroffenen Person auswirken. Die körperlichen Symptome, wie die Auswirkungen auf das Gehen, die Funktion der Hand, die Sprache und die Koordination werden im allgemeinen anerkannt, da sie normalerweise für andere sichtbar sind. Es gibt andere Auswirkungen, die vielen Menschen verborgen bleiben, einschließlich Freunden und Familien.

Dies liegt vielleicht daran, dass sie für andere nicht sichtbar sind (so wie Schmerzen oder Müdigkeit) oder dass sie vielleicht aufgrund von Verlegenheit verborgen werden, wie zum Beispiel Probleme mit dem Darm oder der Blase.

Die Depression ist eine emotionale Herausforderung, die für die Person, die sie direkt erlebt, als auch für diejenigen, die der betroffenen Person nahe sind, recht beunruhigend sein kann.

Was ist Depression?

Jeder von uns hat Phasen, in denen er sich „niedergeschlagen“ oder „elend“ fühlt. Die Depression dagegen ist eine Störung, die durch eine andauernde niedergeschlagene Stimmung gekennzeichnet ist, die oft auftritt und einige Wochen oder länger anhält. Dies reicht aus, um Sorgen zu verursachen und das Verhalten in Gesellschaft und Arbeit zu beeinträchtigen. Die niedergeschlagene Stimmung geht üblicherweise mit einem Gefühl der Traurigkeit oder der Leere einher.

Menschen mit einer Depression berichten oft über verlorenes Interesse und verlorene Freude an den täglichen Aktivitäten und fühlen sich wertlos und schuldig. Bei manchen Menschen, vor allem bei Männern, äußert sich ihre Depression als gesteigerte Wut und Reizbarkeit. Dies kann verstärkt werden, wenn die körperliche Unfähigkeit die Leistungsfähigkeit einschränkt.

Äußere Zeichen der Depression können bei manchen Menschen sichtbar sein. Dies kann unter anderem Traurigkeit und ein Verlust des Interesses am eigenen

Aussehen sein. Die Menschen können reizbar, nervös oder körperlich weniger aktiv sein.

Wie häufig ist die Depression bei Menschen mit MS?

Menschen mit MS neigen eher zur Depression, wobei etwa die Hälfte von ihnen eine Phase der starken Depression mindestens einmal im Leben durchmacht. Diese Quote ist

sehr hoch im Vergleich zur Schätzung der gesamten Bevölkerung, die bei 15 Prozent liegt. Man nimmt an, dass 15 – 30 Prozent der Menschen mit MS irgendwann einmal depressiv sind.

Es ist wichtig zu betonen, dass das gesamte Selbstmordrisiko in der Gesamtbevölkerung sehr gering ist, einschließlich der Menschen mit MS. Doch jüngste Studien haben zum ersten Mal gezeigt, dass die Selbstmordrate unter Menschen mit MS deutlich höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Eine beträchtliche Zahl von Menschen mit MS haben angegeben, manchmal über Selbstmord nachzudenken.

Was verursacht die Depression bei Menschen mit MS?

Die Ursachen der Depression sind ungewiss. Sie kann als Zustand der abnormalen Gehirnfunktion verstanden werden, die sowohl durch Stress von außen, als auch durch eine zugrundeliegende Gehirnerkrankung ausgelöst werden kann. Bei MS gibt es viele offensichtliche äußere Auslöser, einschließlich Schmerz und die Auswirkungen der Krankheit auf die Familie, Wohnung, Arbeit und Finanzen. Es gibt auch Nachweise für eine Hirnfunktionsstörung, einschließlich zunehmender Depression bei Personen mit MS-Plaques in besonderen Teilen des Gehirns.

Überschneidung von depressiven Symptomen und MS-Symptomen

Menschen mit Depressionen erleben gewöhnlich körperliche Symptome. Zu diesen zählen Appetit- und Schlafstörungen, kognitive Dysfunktionen, Müdigkeit, Schmerz und Verlust der Libido. Dies sind auch sehr häufige Auswirkungen von MS und es ist schwierig zu sagen, was das Problem verursachen könnte. Wenn diese Probleme überwiegend auf die Depression zurückzuführen sind, dann wird eine entsprechende Behandlung wahrscheinlich eine Verbesserung herbeiführen.

Die Depression bewältigen

Das Erkennen der Depression bei Menschen mit MS bietet große Hoffnung. Im Gegensatz zu vielen Komplikationen der Krankheit, für die es begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gibt, ist der Großteil der Depressionsphasen nicht dauerhaft. Die Bewältigung der Depression muss auf jeden einzelnen Patienten

zugeschnitten sein. Ein erster wesentlicher Schritt besteht darin, die Depression zu erkennen und das damit verbundene Stigma zu überwinden. Die Behandlung basiert auf einer Kombination aus dem Angehen drängender Probleme, antidepressiven Medikamenten und therapeutischer Beratung. Drängende Probleme sind unter anderem soziale Probleme wie Schwierigkeiten mit Wohnung und Finanzen.

Auch Beziehungsprobleme müssen angesprochen werden. MS betrifft beide Partner in einer Beziehung. Der Verlust der körperlichen Fähigkeiten, der Sexualfunktion und der Arbeit unter anderem kann beide Menschen betreffen. Ebenso belastet die Pflege für jemanden mit MS beide Menschen. In diesen Fällen kann es hilfreich sein, die Partner in die Beratung mit einzubeziehen.

Die verwendeten Antidepressiva umfassen sowohl die herkömmlichen Medikamente, wie Amitriptylin oder Dothiepin, als auch die neueren Wirkstoffe wie Fluoxetin, Paroxetin oder Citalopram. Diese Medikamente zeigen erst nach mindestens vier Wochen eine Wirkung. Ihre Verfügbarkeit kann von Land zu Land variieren. Wie alle Medikamente, haben die Antidepressiva Nebenwirkungen, die ihre Verträglichkeit einschränken können, unter anderem Benommenheit, Mundtrockenheit, Verstopfung und Schwierigkeiten beim Wasserlassen.

Sie können jedoch auch bei der Behandlung von Nervenschmerzen vorteilhaft sein, an denen Menschen mit MS häufig leiden, und sie können auch Menschen mit Schlafstörungen oder einer hyperaktiven Blase helfen. Die oben genannten neueren Wirkstoffe haben weniger Nebenwirkungen und können auch hilfreich sein, wenn zudem ein Angstgefühl vorliegt, und bei der Behandlung von Müdigkeit.

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) versucht, Verzerrungen in der Art, wie eine Person sich selbst und die Welt sieht, zu erkennen und anzugehen. KVT ist mit der Bereitschaft der Person verbunden, über einen festgelegten Zeitraum aktiv mit dem Therapeuten daran zu arbeiten, ihre Probleme anzugehen. KVT kann bei Personen mit schwachen bis mäßigen Depressionen genauso wirksam sein wie Medikamente. Wenn beide in Kombination miteinander angewendet werden, hat dies zusätzlichen Nutzen.

ANDERE EMOTIONSBEZOGENE HERAUSFORDERUNGEN

Ein Teil des Gehirns, der Stirnlappen, ist sowohl für die Kontrolle der Emotionen, als auch ihren Ausdruck nach außen verantwortlich. Menschen mit MS-bedingten Schädigungen in diesem Bereich können Veränderungen feststellen, normalerweise unvorhersehbare Veränderungen, die mit der erfahrenen Emotion zusammenhängen können oder nicht.

Stimmungsschwankungen

Stimmungsschwankungen können als eine schnelle Änderung der Stimmung beschrieben werden, mit abwechselnder Euphorie und Depression. Während viele Menschen irgendwann Stimmungsschwankungen erleben, scheint es so, dass Menschen mit MS bei diesem Problem gefährdeter sind. Da Stimmungs-schwankungen Schwierigkeiten innerhalb der Familie oder dem sozialen Umfeld verursachen können, ist es wichtig, dass die Person, die daran leidet, mit den Menschen um sich herum über dieses Problem spricht, um Missverständnisse zu vermeiden. Manchen Menschen helfen stimmungsstabilisierende Medikamente oder Antidepressiva, während für andere therapeutische Beratung wohltuend ist. Das Ziel der Beratung besteht in diesen Fällen darin, der Person wirksame Wege zum Umgang mit unvorhersehbaren Veränderungen der Stimmung zu vermitteln. Oft kann eine Kombination dieser Lösungen hilfreich sein.

Enthemmung

MS-bedingte Enthemmung oder ein Verlust der Kontrolle über Impulse, die zu unangemessenem Verhalten führen, sind ein Problem, das schwierig zu handhaben ist und das sehr verwirrend sein kann, besonders für die Familie. Aggressive oder sexuell unangemessene Sprache oder Verhalten kann durch stimmungsstabilisierende Medikamente unter Kontrolle gebracht werden, auch wenn in seltenen Fällen eine Krankenhauseinweisung zur intensiveren medikamentösen Behandlung erforderlich sein kann.

Krankhaftes Lachen und Weinen

Krankhaftes Lachen und Weinen ist ein Symptom, bei dem die Person Phasen des Lachens und Weinens erlebt, die unabhängig von einer Emotion auftreten. In anderen Worten, die Äußerung von Schluchzen oder scheinbar übertriebenem Lachen ist nicht das Ergebnis dessen, was die Person fühlt, sondern eine unkontrollierbare, unvorhersehbare Äußerung, die anscheinend aus der Entmarkung des Gefühlszentrums des Gehirnes resultiert. Sowohl die betroffene Person, als auch die Menschen, die ihr nahe sind, sollten Informationen über dieses Problem erhalten, da es leicht missverstanden werden kann und sehr zerrüttend sein kann. Es gibt aktuell keine definitive Behandlung für dieses seltene Symptom, obwohl klinische Studien mit Dextromethorphan (mit einem Wirkstoff kombiniert, um die therapeutischen Spiegel aufrechtzuerhalten) für Menschen mit unkontrollierbarem Lachen und / oder Weinen aufgrund von unterschiedlichen neurologischen Erkrankungen laufen.

Schlussfolgerung

Emotionale Veränderungen treten häufig bei MS auf und können so belastend wie viele körperliche Symptome sein. Doch es gibt Hilfe und die meisten emotionalen Symptome können bei der Mehrzahl der Menschen erfolgreich behandelt werden. Dies kann, muss aber nicht die Verwendung von Medikamenten miteinbeziehen. Es ist für die von MS betroffenen Personen wichtig, egal ob sie persönlich oder beruflich betroffen sind, sich der möglichen emotionalen Veränderungen, die auftreten können, bewusst zu sein, so dass sie sicherstellen können, dass geeignete Hilfe gesucht und angeboten wird.