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Emotionsbezogene Probleme nach der ersten Diagnose 2015-04-02T00:40:24+00:00

Von Regine Strittmatter, Leitende Psychologin, Schweizerische MS-Gesellschaft

MS entwickelt sich auf so viele verschiedene Arten und hat eine so große Vielfalt von Symptomen, dass sie die Krankheit mit den tausend Gesichtern genannt werden könnte. Von dem Moment an, in dem die ersten Symptome auftreten, wird die Person mit vielen Herausforderungen konfrontiert, von denen die erste vielleicht die Unsicherheit ist.

Das Wissen darüber, was diese Krankheit verursacht und was einen Schub auslöst, ist gegenwärtig unvollständig. Wir wissen zwar, dass viele Menschen einem relativ benignen Verlauf von MS mit vielen behinderungsfreien Jahren folgen werden, aber es gibt dennoch keine Gewissheit für eine betroffene Person, welchen Verlauf die Krankheit nehmen wird. Trotz dieser grundlegenden Unsicherheit bedeutet die Diagnose MS für viele ein gewisses Gefühl der Erleichterung. Endlich haben Sie einen Namen für all die unterschiedlichen Symptome, die sie haben. Die Diagnose der Person bestätigt auch, dass alle ihre Leiden nicht eingebildet waren, sondern von einer nachprüfbaren, anerkannten Krankheit stammen.

Doch für die meisten dieser Betroffenen bedeutet die Diagnose auch einen großen Schock. Viele Menschen, die diese erste Diagnose erhalten haben, fragen sich, „Warum ich?“ und „Was wird mit mir geschehen?“. Bei einer Krankheit wie MS sind diese Fragen besonders schwer zu beantworten.

Wenn sie diese Diagnose zum ersten Mal hören, reagieren viele mit dem Gefühl, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren. Auch wenn die Symptome nach einem Schub verschwinden, kann die Unvorhersehbarkeit von MS ein Leben voller Sorgen und Angst um die Zukunft bedeuten. Es ist normal, dass solche extremen Gefühle Wut, aber auch Traurigkeit und Angst erzeugen. Es ist auch eine normale Reaktion für manche Menschen mit MS, zu versuchen, die Anwesenheit der Krankheit in ihrem Leben zu ignorieren, während hingegen andere von Anfang an aktiv nach Informationen über MS suchen.

Bewältigung und Persönlichkeit

Menschen reagieren unterschiedlich auf Krisenzeiten, aber die meisten haben eines gemeinsam: die Fähigkeit, Kraftquellen zu erschließen und Strategien zur Bewältigung zu aktivieren. Auf der Grundlage ihrer Lebenserfahrung entwickeln die Menschen gewisse Hilfsmittel als Teil ihrer Persönlichkeit. Dazu gehört zum Beispiel eine optimistische Einstellung oder der fest verwurzelte Glaube, dass man jede Krise meistern kann. Bei anderen, die eine allgemein pessimistische Sicht des Lebens entwickelt haben, können Gefühle der Hoffnungslosigkeit und der Ohnmacht vorherrschen, wenn sie ihre Diagnose erfahren. Studien haben bei einer Reihe von Krankheiten gezeigt, dass diese grundlegenden Einstellungen einen Einfluss auf die Lebensqualität einer Person und ihre Gesundheit haben und darauf, wie aktiv sie an der Bewältigung ihrer Krankheit teilhaben.

Auch wenn die Persönlichkeiten, Gedankenmuster und Einstellungen relativ beständig sind, können die Menschen durch professionelle Hilfe neue Fähigkeiten zur Bewältigung entwickeln. Ein Psychologe kann zum Beispiel einer Person helfen, Zuversicht zu gewinnen, die Person motivieren, einen aktiveren Anteil an der Bewältigung der Krankheit zu nehmen, während ein professionell geleiteter Workshop wertvolle Techniken zum Umgang mit MS vermitteln kann.

Leben mit Unsicherheit

Bewältigung bedeutet zu lernen, mit der Unsicherheit zu leben, die ein Merkmal von MS ist. Die erfolgreiche Bewältigung ist zum Teil davon abhängig, ob die betroffene Person ihr Selbstvertrauen behält und vor allem den Glauben, dass sie den täglichen Herausforderungen von MS entgegentreten kann.

Die Bedeutung der Information

Um das Gefühl der Zuversicht wiederzuerlangen oder aufrechtzuerhalten und um Kontrolle über ihr Leben zu haben, ist es sehr wichtig, dass die Person mit MS über die Krankheit informiert wird. Informationen sammeln, mit anderen Betroffenen sprechen und Experten für MS Fragen zu stellen, sind Wege, auf die eine Person viel Wissen über MS erschließen kann. Die Menschen können auch ein Gefühl der Kontrolle gewinnen und aktiv an den Entscheidungen über die Wahl der Behandlungsmethode teilnehmen, da sie die verfügbaren Behandlungen, die Strategien zur Bewältigung der Symptome, die gesetzlichen und finanziellen Rechte, die Selbsthilfegruppen und andere Quellen der Unterstützung kennen.

Menschen mit MS, die mehr über ihre Krankheit erfahren wollen, brauchen vielleicht eine Anleitung und Vorschläge zu geeigneten Informationsquellen. Außerdem ziehen es Menschen, die gerade erst die Diagnose bekommen haben, vor, bestimmte Themen auszuwählen, die für ihre aktuelle Situation relevant sind. Der Gesundheitsspezialist, der diese Art der Hilfe bietet, sollte etwas über den Lebensstil und die individuellen Bedürfnisse der Person wissen. Keine zwei MS-Fälle sind identisch und daher muss die Information der Menschen unterschiedlich sein. Manche sprechen vielleicht lieber mit Experten für MS, andere ziehen es vielleicht vor, sich an Beratungsstellen der MS-Gesellschaft zu wenden oder an Selbsthilfegruppen teilzunehmen. Andere ziehen vielleicht Veröffentlichungen vor, aus denen sie Informationen aufnehmen können, wann sie wollen, und die sie für späteres Nachschlagen beiseite legen können. In jüngster Zeit wurde auch das Internet eine wichtige und beliebte Informationsquelle. Doch nicht alle Websites sind gleich zuverlässig. Viele MS-Gesellschaften haben ihre eigenen Websites, die aktuelle, unabhängige Informationen bieten, und können meist andere, zuverlässige Seiten empfehlen, die für Menschen nützlich sein können, die nach Informationen über MS suchen.

Hoffnung und realistische Erwartungen im Gleichgewicht halten

Die Hoffnung spielt bei der Bewältigung jeder Krankheit eine wichtige Rolle. Sie ist eine Quelle, aus der die Betroffenen ihre Kraft, ihren Optimismus und ihre Energie schöpfen. Doch es ist nicht immer einfach, hoffnungsvoll zu sein und gleichzeitig realistische Erwartungen aufrechtzuerhalten. Unrealistische Erwartungen können zu bitterer Enttäuschung führen, besonders wenn eine bestimmte Behandlung oder Therapie nicht das erwartete Ergebnis liefert.

Solche unrealistischen Erwartungen können aus Fehlinformationen resultieren, welche der betroffenen Person gelieferten wurden, einem Mangel an Wissen über die Möglichkeiten der Therapie oder aus einem besonders starken Wunsch zu glauben, dass die Therapie etwas bewirken kann, was sie in der Tat nicht bewirken soll oder kann.

Aus diesen Gründen ist es äußerst wichtig, dass die Person vor dem Beginn einer Behandlung oder einer Therapie entsprechend aufgeklärt und informiert wird, um Enttäuschung aufgrund von unrealistischen Erwartungen zu vermeiden. Es ist auch erwähnenswert, dass unrealistische Erwartungen einige Menschen dazu verleiten können, zu beschließen, eine Therapie abzubrechen, bevor ihre ganze Wirkung erreicht werden konnte.

Entscheidungsfindung

MS zwingt selten jemanden dazu, überstürzte Entscheidungen zu treffen. Ein akuter Schub oder eine andere Krise ist selten die richtige Zeit, um wichtige oder weitreichende Entscheidungen zu treffen. Dennoch neigt eine Person mit MS in diesen schwierigen Zeiten eher dazu, Entscheidungen zu treffen, die das Leben verändern, zum Beispiel könnte sie während eines MS-Schubes beschließen, das Arbeiten aufzugeben.

Gesundheitsspezialisten sollten Patienten nach der ersten Diagnose ermutigen, während der Krisenzeiten Unterstützung zu suchen, um den Fehler impulsiver Entscheidungen aufgrund von Angst und Furcht zu vermeiden. Die Person mit MS möchte vielleicht mit ihren Nächsten sprechen oder mit denen, die direkt von ihren Entscheidungen betroffen sind, damit diese ihr bei dem Prozess der Entscheidungsfindung helfen.

Stress

Jede Person definiert Stress anders. Das Wissen um den Zusammenhang zwischen Stress und MS ist unvollständig. Wir wissen, dass der Stresspegel einer Person während eines MS-Schubes erhöht ist. Es scheint, dass Stress eine negative Wirkung auf das Wohlbefinden einer Person hat und ein Risiko für die Gesundheit und die Beziehungen der Person darstellt. Eine MS-Diagnose zu erhalten, ist für jeden ein großer Stress. Die Unvorhersehbarkeit, das Umgehen mit vielfältigen Symptomen, das Lernen neuer Informationen und die Veränderung von Rollen sind nur einige der vielen anderen Quellen von Stress, die mit der Diagnose einhergehen.

Es gibt Möglichkeiten, die Probleme des täglichen Lebens erfolgreich zu bewältigen, die die Gefühle der Überbeanspruchung, der Frustration und der Wut abmildern. Es ist wichtig, dass die Menschen mit MS nicht ermutigt werden, wichtige Entscheidungen in ihrem Leben zu treffen, die auf der Ansicht beruhen, dass Stress MS verschlimmert und daher vermieden werden sollte. Vielmehr sollten Strategien zur Stressreduzierung empfohlen werden, die auch je nach Lebensstil von Person zu Person variieren. Dies können unter anderem körperliche Aktivität, ein Hobby, Entspannungstechniken, Selbsthilfegruppen, etc. sein.

Das emotionale Erleben der Familie

Partner, Kinder und andere Familienmitglieder erleben ihre eigenen emotionalen Unsicherheiten und das Gefühl der Ohnmacht, wenn sie mit einer MS-Diagnose konfrontiert werden. Diese Personen, die einer Person mit MS am nächsten stehen, können diese Situation ähnlich emotional erleben wie die Person, die die Diagnose bekommen hat, wie den Wunsch, das Vorhandensein von MS in der Familie zu ignorieren, unrealistische Erwartungen in Bezug auf Therapien, täglicher Stress durch das Leben mit der Krankheit und die Herausforderung, die Krankheit erfolgreich zu bewältigen. Auch sie können davon profitieren, über MS zu lernen und mit anderen Familien zu sprechen, die auch von der Krankheit betroffen sind. Eine der wichtigsten Hilfsquellen für alle Beteiligten ist die gegenseitige Unterstützung. Beziehungen auf der Basis von Vertrauen und offener Kommunikation innerhalb des engsten Familienkreises und der Großfamilie, sowie innerhalb des sozialen Umfeldes, können wirklich helfen.

Die emotionalen Herausforderungen, mit denen eine Person konfrontiert ist, die die Diagnose von MS bewältigen muss, variieren und müssen nicht notwendigerweise einem Standard folgen. Auch wenn Verneinung, Wut, Stress und Angst häufige emotionale Reaktionen sind, hängt die Reihenfolge, in der sie auftreten, sowie auch die Zeit, die eine Person benötigt, um mit diesen Gefühlen fertig zu werden, von der früheren Art der Bewältigung der betroffenen Person ab und von der Unterstützung, die sie von Gesundheitsspezialisten, Familie und Freunden erhält.

Eine wichtige Rolle der Gesundheitsexperten besteht darin, den Menschen zu helfen, die emotionalen Herausforderungen zu erkennen und erfolgreich zu bewältigen, die die Diagnose MS begleiten, und Fähigkeiten zur Bewältigung zu vermitteln, die nicht nur im frühen Stadium der Krankheit nützlich sein können, sondern auch im Lauf der Zeit.