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Einführung von MS- bedingten emotionalen und kognitiven Problemen 2015-04-02T00:37:11+00:00

Von Dr. Nicholas LaRocca, Leiter, Forschung über Gesundheitsversorgung und -politik, Nationale MS-Gesellschaft, New York, USA

Multiple Sklerose beeinträchtigt nicht nur die körperlichen Fähigkeiten. Die Krankheit kann die Art, wie Menschen über sich selbst denken, und auch ihre kognitiven Funktionen verändern. Für viele stellen die emotionalen und kognitiven Auswirkungen der Krankheit die größte Herausforderung dar.

Emotionale Veränderungen

Bei MS gibt es keine bestimmte Folge von Schritten, die zur „Anpassung“ führen. Es gibt aber eine Anzahl von emotionalen Reaktionen, die üblich zu sein scheinen, wenn Menschen lernen, mit der Krankheit umzugeben.

Unsicherheit und Angst setzen ein, wenn die ersten Symptome auftreten, und sie bestehen weiter, bis eine Diagnose erstellt ist. Die Krankheit ist unvorhersehbar und daher müssen sich Menschen mit MS oft auf ein Leben mit der Ungewissheit einstellen.

Eine Person mit MS kann viele Aspekte des Selbstverständnisses durch die Krankheit unterminiert finden. Oft gibt es einen Zeitraum des Trauerns um diese Verluste, bevor ein erneuertes Selbstbild entstehen kann, dieser Prozess kann während des Verlaufs von MS mehrere Male auftreten. Trauern ist ein heilender und stärkender Prozess, aber er wird auch von Schmerz und Traurigkeit begleitet.

MS fügt dem bestehenden Druck des modernen Lebens erhebliche, krankheitsbedingte Belastungen hinzu. Es ist eine große Herausforderung zu lernen, mit diesen Belastungen umzugehen. Zudem können sich die Personen mit MS darüber Sorgen machen, dass dieser Stress selbst die Krankheit verschlimmern könnte und Verschlechterungen beschleunigen könnte. Forschungen zur Frage des Stresses als „Auslöser“ für MS-Schübe haben zu gemischten Ergebnissen geführt. Doch Stress ist ein unabwendbarer Teil des Lebens und eine Person kann allein dadurch unnötigen, zusätzlichen Stress erzeugen, dass sie versucht, das Unvermeidliche abzuwenden.

Eine Anzahl von anderen emotionalen Veränderungen können bei MS auftreten, unter anderem klinische Depressionen, bipolare Störungen und Stimmungsschwankungen. All diese sind bei Personen mit MS häufiger als in der Bevölkerung allgemein.

Eine Major Depression ist ein ernstes und manchmal lebensbedrohliches Leiden. Es ist, neben anderen Symptomen, durch größere depressive Episoden gekennzeichnet, die genauso beeinträchtigend wie die körperlichen Symptome von MS sein können. Eine Major Depression unterscheidet sich von der „Depression” von einem Tag zum anderen, die viele Menschen jeweils für ein paar Stunden erleben. Es ist ein ernster und anhaltender Zustand, der mit Selbstmordgedanken oder –versuchen einhergehen kann. Dieser Zustand erfordert professionelle Betreuung und wirksame Behandlungen einschließlich depressionshemmender Medikation und Psychotherapie. Man nimmt an, dass MS Veränderungen im Gehirn verursachen kann, die eine Major Depression auslösen, doch die Beweise dafür sind noch begrenzt.

[box type=“note“ align=“alignleft“ ]‚Eine Person kann allein dadurch unnötigen, zusätzlichen Stress erzeugen, dass sie versucht, das Unvermeidliche abzuwenden’[/box]

Eine bipolare Störung ist eine seltene Erkrankung, die durch alternierende Phasen von Depression und Manie oder nur durch Manie gekennzeichnet ist. Während der manischen Phasen kann die betroffene Person unangemessenes Verhalten zeigen, wie zum Beispiel große Summen Geld ausgeben. Als solches kann diese Störung für die Familienmitglieder sehr beunruhigend sein. Wie die Major Depression erfordert auch die bipolare Störung professionelle Betreuung und wird oft mit einer Kombination von depressionshemmenden und stimmungsstabilisierenden Medikamenten behandelt.

Stimmungsschwankungen unterschiedlicher Art scheinen bei MS häufig aufzutreten. Bei MS verwendet bezieht sich der Begriff „Stimmungsschwankungen“ auf eine Reihe von Phänomenen einschließlich emotionaler Instabilität („Labilität“), unkontrollierbarem Lachen und Weinen und Euphorie.

Emotionale Labilität bezieht sich auf häufige Änderungen der Stimmung von glücklich zu traurig zu wütend, etc. Diese unterscheiden sich nicht sehr von den Stimmungsschwankungen, wie die meisten Menschen sie erleben, aber sie scheinen bei MS häufiger und vielleicht stärker aufzutreten. Man glaubt, dass die Ursachen sowohl im zusätzlichen durch MS verursachten Stress, als auch in neurologischen Veränderungen bei der Arbeit liegen.

Unkontrollierbares Lachen und Weinen ist eine Störung, die weniger als 10 Prozent der Menschen mit MS betrifft. Sie ist durch Phasen gekennzeichnet, in der die Person unkontrollierbar lacht oder weint, und dies ohne Bezug auf die Situation. Es wird angenommen, dass diese Störung durch MS-bedingte Veränderungen im Gehirn ausgelöst wird.

Euphorie ist ein sehr seltenes Symptom bei MS und betrifft nicht mehr als fünf bis zehn Prozent der Menschen mit MS. Es ist durch ein unrealistisches Gefühl des Optimismus gekennzeichnet, das zu Zeiten großer Probleme und Missgeschicke ausgedrückt werden kann. Euphorie kann sich durch unangemessenes Kichern ausdrücken und wird meistens bei Personen mit deutlichen kognitiven Störungen beobachtet.

Auch wenn MS von einer Vielzahl von emotionalen Reaktionen und einigen ernsten Störungen begleitet werden kann, gibt es keine „MS-Persönlichkeit“ an sich. Menschen mit MS sind mit sehr besonderen Herausforderungen konfrontiert, aber, wie jeder andere auch, versuchen sie ihr Bestes, um das zu bewältigen, was ihnen das Leben geschickt hat. In den meisten Fällen meistern sie dies sehr gut und sie sind oft stärker, weil sie sich diesen besonderen Herausforderungen gestellt haben.

Kognitive Veränderungen

Kognition bezieht sich auf die „höheren“ Gehirnfunktionen wie Gedächtnis und logisches Denken. Etwa die Hälfte der Menschen mit MS haben keine manifesten kognitiven Veränderungen.

Die Felder der kognitiven Funktionen, die am häufigsten bei MS betroffen sind, sind unter anderem die folgenden:

  • Gedächtnis
  • Aufmerksamkeit und Konzentration
  • Das richtige Wort finden
  • Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung • Abstraktes Denken und Problemlösung
  • Räumliches Sehen
  • Exekutive Funktionen

Da MS jeden Teil des Gehirnes betreffen kann, kann fast jede kognitive Funktion beeinträchtigt werden. MS betrifft typischerweise einige kognitive Funktionen, lässt aber andere relativ intakt. Aus diesem Grund führt MS wahrscheinlich nicht zu einer Art des umfassenden kognitiven Verfalls, wie es bei der Alzheimerschen Krankheit der Fall ist. Doch in manchen Fällen können die MS-bedingten kognitiven Veränderungen tiefgreifender sein und die Person unfähig machen, mit den alltäglichen Verpflichtungen angemessen umzugehen.

Einfluss der kognitiven Veränderungen

Kognitive Veränderungen können einen deutlichen Einfluss auf die Fähigkeit der Person haben, zu arbeiten und die familiären Verpflichtungen zu erfüllen. Familienmitglieder sind sich oft nicht bewusst, dass MS kognitive Probleme verursachen kann, und dieses Missverständnis kann zu Wut und Verwirrung führen. In solchen Fällen sollte man sich um eine professionelle Einschätzung bemühen, um die Art und die Ursache der Probleme zu klären.

MS ist eine komplexe Krankheit mit vielen psychologischen Verzweigungen. Sich erfolgreich auf MS einzustellen, macht es erforderlich, diese Veränderung zusammen mit den körperlichen Veränderungen zu verstehen und sich mit ihnen zu befassen. Es gibt viele Mittel zur Information, Bewertung und Behandlung. Durch die Ausschöpfung dieser Mittel kann es der von MS betroffenen Familie gelingen, besser mit einem unwillkommenen, aber ausdauernden Eindringling zu leben.