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Schwangerschaft 2015-04-02T00:00:17+00:00
Von Nicki Ward, Multiple Sklerose-Arzt in Lehrposition, University of Central England, Großbritannien

Selbst in 21. Jahrhundert beschweren sich einige an Multipler Sklerose leidende Frauen noch immer über negative Auskünfte oder falsche Informationen auf ihre Fragen zu Schwangerschaft und Geburt. In diesem kurzen Artikel sollen einige dieser Mythen und Missverständnisse aufgeklärt und gleichzeitig aktuelle, korrekte und nachweisbare Informationen für Frauen mit MS bereitgestellt werden, die bereits schwanger sind oder eine Familie gründen möchten.

Auswirkungen von Schwangerschaft und Geburt auf Frauen mit MS

Vor 1949 wurde Frauen mit MS von einer Schwangerschaft abgeraten, da sie als Mütter ungeeignet wären, sie durch das Fortschreiten ihrer Krankheit angeblich weitere Behinderungen erleiden und sie MS auf ihr Baby übertragen könnten. Moderne Studien haben diese Vorurteile längst widerlegt und geben Frauen heutzutage ganz andere Empfehlungen. Die Forschung konnte nachweisen, dass eine Schwangerschaft keinen Einfluss auf den langfristigen Verlauf von MS hat und die meisten Mütter mit MS absolut in der Lage sind, sich um ihr Baby zu kümmern, wenn Sie dabei Unterstützung erhalten.

Studien zur Schwangerschaft von Frauen mit MS haben gezeigt, dass die Rezidivraten sowohl während der Schwangerschaft als auch im frühen Nachgeburtszeitraum steigen. Das Rezidivrisiko in den ersten Schwangerschaftswochen ändert sich nicht, allerdings besteht in den späteren Monaten der Schwangerschaft ein geringeres Risiko. Noch in den ersten drei Monaten nach der Geburt besteht ein erhöhtes Risiko auf ein Rezidiv, danach kehren die Rezidivraten auf das Niveau vor der Schwangerschaft zurück.

Während der Schwangerschaft fühlen sich die meisten Frauen wohl und die Mehrheit hat keine neuen Probleme. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass sich die Symptome bei einigen Frauen, die bereits Schwierigkeiten mit Ermüdung oder Blasen- bzw. Stuhlgangprobleme hatten, weiter verschlechtern. Die MS-Diagnose sollte von Beginn an mit den Medizinern besprochen werden, die sich um Schwangerschaft und Geburt kümmern und Letztere sollten sich mit dem MS- Arzt in Verbindung setzen. Alle Änderungen oder eine Verschlimmerung der Symptome müssen mit dem Arzt, der Hebamme oder der MS-Schwester besprochen werden.

Kann MS auf das Ungeborene übertragen werden?

MS ist keine vererbbare Krankheit, obwohl ein Kind mit einem Elternteil mit MS im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung ein etwas höhere Risiko zu erkranken hat. Dieses Risiko ist aber gering und lieget nach Schätzungen zwischen eins und vier Prozent. Dies sollte ein Paar nicht davon abhalten, Kinder zu bekommen (siehe Seite 20). Genberatung ist aktuell noch nicht verfügbar, da kein Gen direkt mit der Entwicklung von MS in Verbindung gebracht werden kann.

Medikamenteneinnahme bei der Planung einer Schwangerschaft

einige zur Behandlung von MS eingesetzte Mittel das Kind schädigen können. Generell sollten Steroide in der Schwangerschaft vermieden werden, allerdings kann der Neurologe beispielsweise bei schweren Schüben die Ansicht vertreten, dass die potenziellen Vorteile die kleineren Risiken überwiegen.

Frauen, die ein Basistherapeutikum wie Beta-Interferon oder Glatiramerazetat einnehmen, wird geraten, die Einnahme drei Monate vor Abbruch der Verhütung abzusetzen. Obwohl es einige Frauen während der Schwangerschaft weiter genommen und absolut normale Babys zur Welt gebracht haben, ist dies allgemein nicht empfehlenswert. Interferone haben Eigenschaften, die das Risiko auf plötzliche Fehlgeburten steigern können. Sie können nach der Geburt und dem Abstillen weiter empfohlen werden. Sollte eine Frau, die mit einem Basistherapeutikum behandelt wird, unerwartet schwanger werden, ist die Einnahme sofort zu stoppen; eine Sonderbehandlung oder -beobachtung ist allerdings nicht notwendig.

Stillen

Stillen hat keine negativen Auswirkungen auf MS. Einige kleinere, in jüngster Zeit durchgeführte Studien suggerieren sogar, dass Stillen einen positiven Einfluss auf die Krankheit haben könnte. Allerdings wird dies noch untersucht und konnte bisher nicht bestätigt werden.

Wenn eine Mutter Probleme mit Taubheit oder Schwäche in ihren Armen oder Händen hat, könnte das Anlegen des Babys schwierig werden. Es ist wichtig, diese Probleme mit der Hebamme oder MS- Krankenschwester zu besprechen, da sie in dieser Hinsicht Ratschläge geben können.

Planung eines Kinds

Bei der Planung einer Schwangerschaft sind folgende Punkte von Bedeutung:

  • Gesunde Ernährung, regelmäßige, leichte Übungenund keine Zigaretten bzw. kein Alkohol vor undwährend der Schwangerschaft.
  • Einnahme von Folsäure vor der Empfängnis und inden ersten drei Schwangerschaftsmonaten.
  • Gespräch mit dem Arzt über Medikamente und alleverabreichten Zusätze.
  • Frauen mit MS sollten nicht von vorn herein an einenKaiserschnitt denken.
  • Die Frauen können Epiduralanästhesie oder TENS(transkutane elektrische Nervenstimulation – eine Methode zur Behandlung anhaltender Schmerzen, bei der Elektroden auf die Haut aufgelegt werden) erhalten, falls dies empfehlenswert ist.
  • Planung mit Ihrem Partner, wer welche Haus- bzw. Betreuungsarbeiten beim Baby usw. übernimmt.
  • Sie müssen nicht alles allein machen. Es könnte hilfreich sein, potenzielle Hilfequellen aufzuzeigen (wie Familienmitglieder und Freunde), die bei Bedarf unter die Arme greifen.
  • In den ersten Monaten nach der Geburt kann ein Rezidiv auftreten und dieses muss besprochen und geplant werden.
  • Reden hilft beim Stressabbau. Reden Sie mit Ihrem Partner, einem Freund oder Ihrer Hebamme über alle Ängste. Gehen Sie zu einer örtlichen Selbsthilfegruppe für Mütter.
  • Während und nach der Schwangerschaft können die Erschöpfungszustände zunehmen, was Auswirkungen auf die elterliche Pflege haben kann. Fragen Sie Ihren Therapeuten oder die Krankenschwester nach Techniken zur Energieerhaltung.
  • Informieren Sie sich über Geräte und Ausrüstung, die Ihr Leben erleichtern.

Schlussfolgerung

Eine Schwangerschaft ist für alle Frauen anstrengend, aber natürlich haben Frauen mit MS weit mehr Sorgen und Ängste. Korrekte und aktuelle Informationen helfen in großem Maße, diese Ängste und viele andere mit Schwangerschaft und Geburt verbundene Befürchtungen zu zerstreuen. MS ist bekanntermaßen unvorhersehbar und daher müssen Frauen mit MS ihre Schwangerschaft und die potenzielle praktische Unterstützung, die nach der Geburt erforderlich ist, weit im Voraus und effektiv planen.

WIRD MEIN BABY MS HABEN?

[box type=“info“ align=“alignleft“ width=“100%“ ]“Einfache Risikoeinschätzungen sind grobe Vereinfachungen und können leicht missverstanden werden. Je nach der Familienstruktur kann die Risikoeinschätzung sehr unterschiedlich ausfallen. Wir wissen, dass das Risiko in Familien, bei denen mehrere MS-Fälle auftreten, höher ist, als bei jenen mit nur einer an MS erkrankten Person. Außerdem ist das Risiko je nach ethnischer Gruppe unterschiedlich und richtet sich nach anderen Faktoren, die bisher noch nicht mit Sicherheit bestimmt wurden.” Dr. Stephen Hauser, MS-Zentrum, Abteilung für Neurologie, University of California, San Francisco USA.[/box]