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Qualitative Forschungsarbeit 2015-04-16T10:40:41+00:00

Deborah Payne, BA, MA, PhD, RN, Direktorin, Centre for Midwifery and Women’s Health Research, Faculty of Health and Environmental Sciences, AUT University, Auckland, Neuseeland

Was ist qualitative Forschungsarbeit?

Unter qualitativer Forschungsarbeit versteht man Forschungen, bei der Meinungen, Interpretationen und Beschreibungen aufgenommen werden, die der Einzelne in Bezug auf ein bestimmtes Phänomen oder Event wie z. B. MS abgibt. Die qualitative Forschungsarbeit ermöglicht uns einen Einblick in die Erfahrungen mit MS und bietet damit wertvolle Informationen.

Die qualitative Forschungsarbeit kann besonders dann von Nutzen sein, wenn man bisher nur wenig über das Thema weiß. DieWissenschaftlersammelnInformationen,die zuneuem Wissen führen, das dann wiederum in die Entwicklung neuer Theorien mit einfließt. Die qualitative Forschungsarbeit kann außerdem eingesetzt werden, um quantitative Erhebungen zu testen oder ein quantitatives Forschungsprojekt zu ergänzen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse zu vertiefen. Damit können ThemenundProblemeansTageslichtgebrachtwerden, die innerhalb des Gesundheitssystems für Menschen mit MS und ihre Angehörigen oft nicht zur Sprache kommen.

Qualitativ oder quantitativ

Wie viele wissenschaftliche Autoren hervorheben, basiert die Definition qualitativer Forschung oft auf ihrem Gegensatz zur quantitativen Forschung. Einer dieser Gegensätze besteht darin, dass die quantitative Forschung ihre Teilnehmer nach der Art der Daten unterscheidet, die aufgenommen werden und ihrer Datenanalyse; während die qualitative Forschung die Reichhaltigkeit und Vielfalt menschlicher Erfahrungen und Einsichten betrachtet. Deren Beschreibungen, Aufnahme oder Perspektiven sind ihre Daten. Ihre Wörter werden nicht in Zahlen oder Prozentsätze umgerechnet, sondern als Teil der Ergebnisse dargestellt.

Während die quantitative Forschung die zufällige Beziehung zwischen Variablen testen und festlegen möchte, damit dieses Wissen verwendet werden kann, um Phänomene vorherzusehen und zu steuern beschäftigt sich die qualitative Forschung mehr mit dem Erstellen neuen Wissens über Phänomene. Sie möchte weder vorhersehen noch steuern, sondern eher verstehen. Quantitative Wissenschaftler entwickeln eine Theorie oder Meinung über ihre Teilnehmer. Die Wissenschaftler verwandeln dann eine Theorie, zum Beispiel über MS und Fatigue, in eine Reihe von Messungen und/oder strukturierte Umfragen mit vorgefertigten Antworten, die die Teilnehmer beantworten. Diese Messungen und Antworten werden dann statistisch ausgewertet, um die Theorie entweder zu bestätigen oder zu widerlegen.

Im Vergleich dazu bemüht sich die qualitative Forschung darum, eine Frage, wie zum Beispiel: „Was bedeutet Fatigue für Menschen mit MS?” zu beantworten. Obwohl in der qualitativen Forschungsarbeit verschiedene Arten der Datenaufnahme verwendet werden, wie zum Beispiel die Beobachtung der Teilnehmer oder das Sammeln verschiedener Arten von Dokumentationen ,gehört das direkte Gespräch zu einem der am häufigsten verwendeten Mittel. Diese Interviews werden in einer teilweise strukturierten Art und Weise durchgeführt. Obwohl es offene Fragen und bestimmte Themen zu beantworten gilt, besteht auch eine gewisse Flexibilität, die es den Befragten ermöglicht, im Laufe des Gespräches über ihre Erfahrungen zu berichten. Den Teilnehmern wird die Möglichkeit eröffnet, dem Forschenden ihre eigenen Meinungen, Werte und Erfahrungen in eigenen Worten mitzuteilen. So werden die Teilnehmer nicht so festgelegt wie in der quantitativen Forschung, wo sie nur ein Kästchen ankreuzen oder eine Zahl auf einer Skala von eins bis fünf einkreisen müssen.

Diese Interviews werden dann analysiert. Eine der üblichen Methoden, die Daten zu analysieren besteht daran, gemeinsame Themen, die von den Teilnehmern angesprochen wurden, herauszufinden. Die Forscher können aber auch auf eine bestimmte Methodologie zurückgreifen, zum Beispiel die Phänomenologie, die Gesprächsanalyse, die Erzähltheorie oder die gegenstandsbezogene Theoriebildung (Grounded Theory) (siehe Kasten auf Seite 12), um eine tiefergehende, philosophischere Interpretation ihrer Erkenntnisse zu ermöglichen. Für welche Theorie der Forschende sich dabei entscheidet hängt von den Fragen ab, die er/sie beantworten möchte. So wird ein Phänomenologe zum Beispiel fragen, was die Bedeutung von Fatigue ist oder wie diese bereits am eigenen Leib empfunden wurde. Ein Gesprächsanalytiker fragt, welche Gespräche (Kommunikation der Gedanken über Wörter) es in Bezug auf Fatigue gibt.

Ein weiterer Gegensatz besteht darin, dass die qualitativen Forscher nicht davon ausgehen, dass ihre Erkenntnisse sich auf die Allgemeinheit anwenden lassen. Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass Wissen und Verhalten immer kontextbezogen betrachtet werden müssen. Indem sie aber während des Forschungsverlaufs beschreibend und transparent bleiben und Ausschnitte aus den Gesprächen veröffentlichen bieten Mitarbeiter der qualitativen Forschungsarbeit ihrem Publikum die Möglichkeit, selber zu entscheiden, inwieweit ihre Ergebnisse anwendbar sind.

Prozess

Genauso, wie quantitative Forscher sicherstellen müssen, dass ihre Studien valide und verlässlich sind, müssen auch qualitative Forscher dafür sorgen, dass sie während der Forschungsarbeit eine Linie verfolgen. Sie folgen Richtlinien und Prinzipien, um sicher zu stellen, dass ihre Forschungsergebnisse auch glaubwürdig und verlässlich sind. Die qualitative Forschungsarbeit ermöglicht es mit Hilfe breit gefächerter Methoden, die MS aus verschiedenen Blickwinkeln und Ebenen zu betrachten. Sie kann die sozialen Beziehungen zwischen dem medizinischen Personal oder dem medizinischen Personal und den Menschen mit MS untersuchen. Sie kann untersuchen, wie verschiedene Gespräche die Politik und Praxis in Bezug auf MS formen. Es ist gut möglich, dass die Forscher auch die Bedeutung der MS für die Kinder von Erwachsenen, die mit MS leben, untersuchen möchten.

Fazit

Die qualitative Forschungsarbeit bietet die Möglichkeit, unser Verständnis der MS zu erweitern: Für die Menschen, die mit MS leben, ihre Angehörigen, ihre Freunde, ihre Kollegen, das medizinische Personal und die Gruppen innerhalb der Gemeinde, die sie unterstützen. Sie kann dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit und die Gesetzgeber mehr über MS erfahren, was wiederum die Qualität der Versorgung und der Hilfen, die für Menschen mit MS und ihre Angehörigen zur Verfügung stehen, verbessern kann.

Qualitative Methoden:

  • Fallstudien basieren auf einer tiefgreifenden Untersuchung einer Einzelperson oder einer Gruppe.
  • Die Gesprächsanalyse untersucht Schriftstücke, Sprache und/oder Gebärdensprache.
  • Die gegenstandsbezogene Theoriebildung erstellt eine Theorie aus gesammelten Daten im Gegensatz zu dem Ansatz, bei dem erst eine Theorie aufgestellt wird, um dann Daten aufzunehmen, die diese Theorie unterstützen oder widerlegen.
  • Die interpretative, beschreibende thematische Analyse ist ein Ansatz, der Daten auswertet, welche die Erstellung und Anwendung von ‚Kodes’, die auf die Daten angewandt werden, mit einbezieht.
  • Erzähltheorie ist eine Geschichte, die von einer Person erzählt wird, die ein Event oder eine Folge von Events schriftlich, erzählerisch oder in einer anderen kreativen Art und Weise wiedergibt.
  • Die Phänomenologie untersucht die bewusste Erfahrung, wie sie von der Person wahrgenommen wird oder einen personenbezogenen Standpunkt.

Erhebungsmethoden für qualitative Daten:

  • Teilstrukturierte Interviews haben ein Rahmenwerk von Themen, die behandelt werden, bleiben aber flexibel und ermöglichen es damit, neue Fragen zu behandeln, die während des Gesprächs aufkommen.
  • Offene Fragen werden entworfen, um eine vollständige und aussagekräftige Antwort basierend auf dem Wissen und/ oder den Gefühlen des Befragten zu erhalten.
  • Bei Gruppendiskussionen wird eine Gruppe von Teilnehmern gebeten, ihre Gedanken, Gefühle, Einstellungen und Ideen zu einem bestimmten Thema preiszugeben.