Sie erreichen uns jederzeit per E-Mail|office@ms-selbsthilfe.at
Fortschritt in der Genetik und MS 2015-04-08T14:35:54+00:00

Stephen Sawcer, Universität Cambridge, Fachbereich für Klinische Neurowissenschaften, Addenbrooke’s Hospital, Cambridge, UK, und Mark Daly, Massachusetts General Hospital, Boston, und The Broad Institute of Harvard und MIT, Cambridge, Massachusetts, USA

Die Beobachtung, dass genetische Faktoren die Anfälligkeit für MS beeinflussen, hat berechtigterweise zu enormen Anstrengungen zur Entschlüsselung der verantwortlichen Gene geführt, da die Erkennung dieser Gene fast sicher zu den Mechanismen führt, die für die Erkrankung verantwortlich sind. Logischerweise wird erwartet, dass diese Erkenntnisse tiefgreifende und vorteilhafte Auswirkungen haben, die es uns letztendlich ermöglichen, MS zu verlangsamen, zu heilen oder sogar vorzubeugen.

Die bisher wichtigste Entdeckung aufgrund dieser Bemühungen ist die Identifizierung der Verbindung zwischen MS und den „Humanen Leukozyten- Antigenen” (HLA). Diese Antigene sind Proteine, die an der Oberfläche von Zellen vorkommen und eine wichtige Rolle bei dem Prozess spielen, der es dem Immunsystem ermöglicht, gesunde Zellen von denen zu unterscheiden, die entfernt werden müssen, weil sie zum Beispiel aus einem fremden Organismus stammen, mit Viren infiziert sind oder Krebs entwickeln.

Die sechs wichtigsten Antigene sind bekannt als HLA- A, -B, -C, -DRB1, -DQA1 und -DQB1. Wie alle Proteine sind diese Antigene durch ein spezielles Gen kodiert, und interessanterweise liegen die Gene für diese sechs Proteine alle sehr nah beieinander auf dem Chromosom Nummer 6. Jedes dieser Antigene kann viele verschiedene Formen haben, die leicht unterschiedlichen zugrunde liegenden DNA- Sequenzen entsprechen. Es gibt zum Beispiel mehr als 500 verschiedene Formen von HLA-B (das variabelste bekannte Gen). Wissenschaftler bezeichnen verschiedene Versionen desselben Gens als “Allele”, und würden daher sagen, dass es mehr als 500 verschiedene bekannte Allele für das HLA-B Gen gibt, wobei jedes eine etwas andere Form des HLA-B Proteins kodiert.

Bei jedem dieser sechs Gene hat ein Individuum jeweils ein Allel von seiner Mutter und seinem Vater geerbt. Der spezielle Satz mit 12 Allelen (zwei für jedes Gen), der zu einem Individuum gehört, stimmt höchstwahrscheinlich nicht mit dem eines zweiten Individuums überein, es sei denn, sie sind verwandt. Ärzte bezeichnen diesen speziellen Satz Antigene, der durch die geerbten Allele bestimmt wird, als „Gewebetyp“ einer Person. Wenn jemand ein Transplantat benötigt, so sagen die Ärzte, dass sie “den Gewebetyp abstimmen” müssen, was bedeutet, einen Spender mit demselben Satz Antigene zu finden. Wenn das Gewebe nicht passt, so erkennt das Immunsystem des Empfängers den unterschiedlichen Satz Antigene, weist das Organ als fremd zurück und stößt es ab.

Es hat sich herausgestellt, dass manche dieser Antigene bei Menschen mit MS häufiger vorkommen als in der allgemeinen Bevölkerung. Die stärkste Verbindung wird mit Allel 15 des HLA-DRB1 Gens gesehen, einem sehr häufigen Allel, das bei 1 von 4 Personen in Großbritannien vorkommt (25 Prozent der Bevölkerung). Daher besitzen in Großbritannien, das eine Bevölkerung von ungefähr 60 Millionen hat, ungefähr 15 Millionen Menschen dieses HLA-Allel. Unter den 60.000 Menschen in Großbritannien, die an MS leiden, besitzen jedoch ungefähr 60 Prozent das 15 Allel. Dies verdeutlicht einige wichtige Eigenschaften der Art genetischer Auswirkungen, die bei MS wahrscheinlich relevant sind. Erstens wird die große Mehrzahl der Menschen, die das Risiko-Allel besitzen, niemals erkranken – 15 Millionen Menschen besitzen das 15 Allel des HLA-DRB1, jedoch nur ca. 0,3 Prozent davon erkranken. Mit anderen Worten: auch wenn das Vorhandensein des 15 Allels das Erkrankungsrisiko einer Person erhöht, ist die Wirkung doch gering, und mehr als 99 Prozent der Träger es 15 Allels erkranken nicht an MS. Zweitens ist das Allel für eine Erkrankung nicht unbedingt notwendig, da ungefähr 40 Prozent der Patienten mit MS dieses spezielle Risiko-Allel nicht besitzen.

Die Verbindung zwischen MS und HLA wurde zwar bereits vor mehr als 30 Jahren entdeckt, doch ist dieser Bereich des Genoms so komplex, dass es den Wissenschaftlern bisher noch nicht gelungen ist, herauszufinden, wie es möglich ist, dass durch die Vererbung bestimmter HLA-Allele das Risiko einer Erkrankung an MS beeinflusst wird. Was bereits fest steht ist, dass die HLA-Gene nur einen kleinen Teil der genetischen Anfälligkeit für MS ausmachen. Seit langem trachtet die Wissenschaft danach, den Rest des Genoms nach ähnlichen Auswirkungen zu durchsuchen. Leider ist das menschliche Genom so groß und so variabel, dass es buchstäblich Millionen möglicher genetischer Faktoren gibt, die von Bedeutung sein könnten. Da die Auswirkungen der relevanten Gene einzeln gesehen eher bescheiden sind, muss darüber hinaus jeder potentiell relevante Faktor bei Hunderten, möglicherweise Tausenden von Menschen mit MS untersucht werden, damit er unwiderlegbar identifiziert werden kann.

Das Testen von Tausenden, wenn nicht Millionen Faktoren in vielen Hunderten, wenn nicht gar Tausenden von Personen ist bisher technisch unmöglich. Bisher konnten Wissenschaftler, die nach den genetischen Faktoren für die Anfälligkeit für MS suchen, nur eine Handvoll Faktoren aus einigen sorgfältig ausgewählten Genen berücksichtigen. Leider haben diese Bemühungen, abgesehen von HLA, zu keinen beständigen Ergebnissen geführt, sie haben uns jedoch viel über Methoden und Probleme gelehrt, die bei der Entschlüsselung der genetischen Ursachen von MS gemeistert werden müssen.

Es ist inzwischen klar, dass die genetische Analyse von MS bereit ist, die Vorteile mehrerer Jahrzehnte akademischer Anstrengungen für sich zu nutzen, von denen viele durch Menschen mit MS und MS- Gesellschaften unterstützt wurden. Die Anforderungen für antriebsstarke systematische Durchsuchungen der DNA-Schwankungen im menschlichen Genom sind endlich etabliert: große und sorgfältig ausgewertete Gruppen von Menschen mit MS wurden an genetischen Forschungsprojekten beteiligt; das Humangenomprojekt und nachfolgende Projekte haben detaillierte Erkenntnisse über Millionen von Varianten der DNA-Sequenzen im menschlichen Genom gebracht, die eine Rolle bei der Erkrankung spielen könnten; und eine kosteneffektive Technologie für den Zugang zu diesen DNA-Varianten steht seit kurzer Zeit zur Verfügung. Die Erfolgsaussichten sind so gut, dass inzwischen auch gewinnorientierte Unternehmen auf den Plan gerufen werden.

Die Begeisterung darüber wächst, dass die Entschlüsselung der Gene, welche die Anfälligkeit für MS bestimmen, in Reichweite liegt. Mit der Entschlüsselung der Gene aufgrund dieser Studien ist es von entscheidender Wichtigkeit, ihre Bedeutung durch die Untersuchung weiterer MS-Patienten zu belegen. Daher sollte auch die Unterstützung für eine weitere Anwerbung von Teilnehmern nicht vergessen werden.