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Die richtige Diät 2015-04-08T09:23:53+00:00

Von Dr. Anne Payne, Lehrkraft im Fach Klinische Ernährung und Diätetik, Glasgow Caledonian University, Glasgow, United Kingdom

Essen hält bekanntlich Leib und Seele zusammen. Bekannt ist auch der enge Zusammenhang zwischen der Wahl des richtigen Speiseplans und unserem Wohlbefinden. Nicht zufällig fragen MS-Erkrankte oft: „Welche Diät brauche ich, um gesund zu bleiben?“
Die simple Antwort „eine an tierischen Fetten arme Diät“ ist bei schubartigem Verlauf mit Remissionen nie falsch und immer ein guter Rat. Eine wirkliche Antwort ist jedoch viel komplexer, da die individuellen Bedürfnisse bei MS so verschiedenartig und unvorhersagbar sind wie die Symptome des Leidens selbst.

Nach Ausbruch der Krankheit

In der ersten Zeit nach der MS-Diagnose können die meisten Betroffenen noch eine vielseitige Kost zu sich nehmen. In dieser Zeit bietet sich eine gute Gelegenheit, Prinzipien einer gesunden Ernährung gemäß Tabelle 1 aufzustellen, da die meisten MS-Betroffenen den Willen zu positiven Veränderungen mitbringen. Mit der Zeit werden MS-Erkrankte mit einem Verständnis gesunder Ernährung vertraut, das eine an (etwa in Butter und

fettreichem Fleisch enthaltenen) tierischen Fetten arme und an pflanzlichen Fetten sowie öligen Fischsorten reiche Ernährung verficht. Diese Diät wurde von MS- Gesellschaften viele Jahre lang weltweit propagiert.

Untermauert werden Argumente für diese Diät mit der bei verschiedenen Konditionen einschließlich MS entzündungshemmenden Funktion, die Omega-3-Ölen, enthalten in öligen Fischsorten wie Makrele, Sardine, Hering und Thunfisch, zugeschrieben wird. Linolsäure, einer in einigen pflanzlichen Fetten enthaltenen mehrfach ungesättigten Omega-6-Fettsäure, wird eine Hemmwirkung gegenüber MS-bedingten Degenerationsvorgängen nachgesagt. Die Meinung der Fachwelt ist hier nicht ungeteilt, doch steht fest, dass Linolsäure ein wertvoller Bestandteil einer gesunden Diät darstellt. Allerdings kann die empfohlene Tagesmenge durch eine ausgewogene Diät zugeführt werden; bei einer geeigneten Diät sind Kapseln als Einnahmeform verzichtbar. Eine Überschreitung der empfohlenen Dosis verbessert nicht die erwünschte Wirkung.

Da viele MS-Erkrankte in ihren Aktivitäten eingeschränkt sind und wenig Energie verbrennen, sollten zur Deckung des entsprechend geringen Linolsäurebedarfs konzentrierte Omega-6-Öle wie Sonnenblumen-, Saflor- oder Sojaöl zugeführt werden. Die genannten Öle stellen gleichzeitig reiche Vitamin-E-Quellen dar. Diesem Vitamin wird eine Myelin und andere Gewebe vor oxidativen Schädigungen schützende Wirkung zugeschrieben. Auch in Vollkornerzeugnissen ist Vitamin E reichlich enthalten.

Zubereitung von Omega-6-Ölen

Nahrungsmittelöle werden einfach, mit Kräutern geschmacklich verfeinert, in Form eines Salatdressings, als Brot-Dip oder als Zugabe in Saucen und Suppen zubereitet. Eine stärkere Erwärmung der Öle beeinträchtigt ihren Nährwert. Sie sollten daher nicht zum Braten verwendet werden bzw. nur für kurzes Anbraten unter schnellem Wenden des Bratguts. MS-Erkrankte sind gut beraten, wenn sie verschiedene Omega-6-Öle und Aufstriche in abwechslungsreicher Zubereitungsform zu sich nehmen. Etwa 10 Prozent des Energie- Gesamtbedarfs sollte durch diese Öle gedeckt werden.

Mit fortschreitenden Symptomen

Bei der klinischen Behandlung fortschreitender MS- bedingter Degenerationserscheinungen kommt der Diät eine besondere Bedeutung zu. Die Wahl geeigneter Getränke und Nahrungsmittel ist die richtige Antwort auf Stuhlverstopfung, Gewichtszunahme, Entzündung der Harnwege, Schluckbeschwerden, Unterernährung, Dekubitus und Erschöpfungszustände.

Auf Frühsignale achten

Eine Veränderung des Körpergewichts und des ernährungsbedingten Wohlbefindens geht bei MS i. d. R. schleichend vor sich; eine eintretende, den Körper belastende Gewichtszunahme oder Unterernährung wird oft fehlinterpretiert, zum Zeitpunkt des Ergreifens von Gegenmaßnahmen haben sich falsche Ernährungsgewohnheiten schon längst etabliert. Solche Fehler können dadurch vermieden werden, dass Körpergröße und -gewicht bei der Diagnosestellung festgehalten und die Entwicklung des Körpergewichts bei jeder ärztlichen Nachfolgeuntersuchung protokolliert werden. So kann der Pfleger oder Ernährungsspezialist bzw. Diätetiker die Entwicklung des sog. „Body Mass Index“ (BMI) als Maß für das Gewicht in Gegenüberstellung zur Körpergröße überwachen.

Eingeschränkte Bewegungsfähigkeit

Stuhlverstopfung, Gewichtszunahme und Entzündungserkrankungen der Harnwege treten häufig bei MS-Erkrankten auf, die einen Rollstuhl benutzen. Ursache hierfür ist die eingeschränkte Bewegungsfähigkeit der Betroffenen. Die Diät sollte in diesem Fall nicht zu stark zerkleinerte fettarme und ballaststoffreiche Nahrungsstoffe enthalten. Dazu gehören Obstsorten wie Banane, Backpflaume und Pfirsich sowie reichlich Gemüse, Vollkornerzeugnisse und mindestens zwei Liter zuckerfreier Getränke täglich. Zur Vorbeugung von Entzündungserkrankungen der Harnwege wird gerne Preiselbeerensaft verwendet. Preiselbeergetränke sind allerdings stark gezuckert, sodass bei deren Genuss Vorsicht geboten ist. Eine Alternative zum Saft sind Preiselbeerkapseln.

Die Diät mit Bedacht anpassen

Nie kommt bei MS der richtigen Wahl der Diät eine größere Bedeutung zu als dann, wenn die Schluckfähigkeit der Betroffenen gestört ist. Bei einer solchen Störung, auch Dysphagie genannt, wird die aufgenommene Nahrung aufgehustet bzw. -gewürgt, was i. d. R. zu einer Beeinträchtigung der Nahrungsmittelzufuhr führt. Mögliche Folgen sind starker Gewichtsverlust, Dehydrierung (Entwässerung) und – wenn Teile der aufgenommenen Nahrung durch Husten und Würgen in den Atmungstrakt geraten – Lungenentzündung. In diesem Fall sollte die Diät mit Bedacht angepasst werden.

Zur Zubereitung einer schluckfreundlichen aber gleichzeitig reichhaltigen Kost kann es nötig sein, zerkleinerten Fisch bzw. zerkleinertes Fleisch mit einer Gabel zu pürieren und in eine dicke Sauce oder einen dicken Fleischsaft zu verarbeiten. Rät ein zur Beurteilung der Schluckfähigkeit speziell ausgebildeter Gesundheitsexperte zu einer Püree-Diät, so kann zur Herstellung der Kost ein Mixer erforderlich sein. Die Aufnahme von Getränken lässt sich manchmal durch deren Eindicken mit spezieller Lebensmittelstärke erleichtern. Eingedickte Getränke geraten beim Schlucken nicht so schnell in die Luftröhre.

Wenn Unterernährung zum Problem wird

Bestimmte MS-Symptome können zur Unterernährung führen und sollten so früh wie möglich erkannt werden. Tremor und Haltungsstörungen können die Nahrungsmittelaufnahme erschweren. Tremor kann auch zu einer Erhöhung des Energie- und Nahrungsmittelbedarfs führen. Für Menschen mit körperlichen Einschränkungen bei der Nahrungsmittelaufnahme gibt es eine große Anzahl spezieller Hilfsmittel. Zu diesen Hilfsmitteln gehören Teller mit Rändern und rutschfesten Oberflächen, Essbesteck mit Spezialgriffen, massebelastete Gegenstände, Trinkbecher mit Griff, speziellen Kontaktflächen oder Gewichten, um nur einige zu nennen.

Fehlsichtigkeit beeinträchtigt den Einkauf, die Zubereitung und die Einnahme von Nahrungsmitteln. Für manche Menschen mit Fehlsichtigkeit kann ein PC für Online-Einkäufe mit angepasstem Bildschirm Abhilfe schaffen. Beim Beschäftigungstherapeuten können Ratschläge für die angepasste Zubereitung und Einnahme der Kost eingeholt werden.

Erschöpfung und Appetitlosigkeit führen zu Gewichtsverlust, da hier weniger und seltener Nahrung eingenommen wird. Die Erschöpfungssymptomatik ist besonders bei solchen MS-Erkrankten problematisch, die im Haushalt für die Nahrungszubereitung verantwortlich sind. Der Tabelle 2 können einige Strategien zur Kraftersparnis bei der Kostzubereitung entnommen werden.

Gedächtnisstörungen oder Depressionen können die Motivation zur Nahrungsaufnahme beeinträchtigen. Betroffene mit den genannten Störungen sollten sich mit einem Gesundheitsexperten beraten.

Aber auch bestimmte Medikamente gegen MS- Symptome können am Appetitverlust oder Mundtrockenheit Schuld sein, die das Kauen und Schlucken erschweren.

Besteht das Risiko einer Unterernährung, so erfordert die Diät zur Erhaltung des Körpergewichts und der Muskelleistung eine Betonung der Energiezufuhr. U. U. muss die Kost fettreich sein und einen hohen Nährwert enthalten. Vollmilchprodukte wie Milch, Cremespeisen, Käse und Butter können genossen werden, da sie zur Erhöhung des Nährwerts in süße und schmackhafte Speisen gegeben werden können. Milch, Käse und

Joghurt sind überdies reiche Kalziumquellen. Kalzium ist für die Knochengesundheit wichtig, der besonders bei eingeschränkter Bewegungsfähigkeit oder bei Einnahme von Steroiden Aufmerksamkeit geschenkt werden muss.

Die Diät mit Bedacht wählen

Multivitaminzusätze können eine wertvolle Ergänzung der Nahrung darstellen; bei ausreichender Verfügbarkeit energiereicher Kost sind teure Zusätze (in Form von Tabletten oder Drinks) jedoch überflüssig. Glauben Sie nicht sofort jeder Selbsthilfelektüre, die zur Vermeidung bestimmter Lebensmittel bzw. zur Einnahme teurer Nahrungsmittelzusätze rät. Aus aktueller Sicht sind derlei vermeintliche MS-Diäten oder eine derartig hohe Bewertung von Lebensmittelzusätzen nicht haltbar. Kurzfristig geeignet, dem Betroffenen das Gefühl zu geben, etwas zu tun für das eigene Wohl, können solche Mittel der Anfang einer Unterernährung oder gar gefährlich sein. Die Einführung einer speziellen Diät sollte nie ohne Rücksprache mit einem Gesundheitsexperten geschehen.

 

Ratschläge zur gesunden Ernährung

  • Bevorzugen Sie fettarme Milchprodukte wie fettarmen Joghurt oder teilentrahmte Milch.
  • Essen Sie ölige Fischsorten wie Lachs und Makrele, zwei bis drei Mal die Woche.
  • Bevorzugen Sie Huhn, Pute und mageres rotes Fleisch.
  • Bevorzugen Sie Grillen, Backen, Dämpfen oder Pochieren als Zubereitungsformen, anstatt zu braten.
  • Verwenden Sie pflanzliche Omega-6-Öle oder Aufstriche in Maßen. Hierzu gehören Sonnenblumen-, Saflor- und Sojaprodukte.
  • Vermeiden Sie die in Backwaren, Torten, Kuchen, Schokolade und Cremespeisen enthaltenen tierischen Fette.
  • Essen Sie Vollkornbrot und Vollkornprodukte.
  • Nehmen Sie täglich fünf Obst- und Gemüsemahlzeiten zu sich.
  • Nehmen Sie täglich mindestens zwei Liter zuckerfreier Getränke zu sich.
  • Vermeiden Sie „Megadosen“ an Einvitaminpräparaten.

Kraft sparen bei der Kostzubereitung

  • Kaufen Sie vorgewaschene und vorgeschnittene Produkte
  • Wo möglich, verwenden Sie elektrische Küchenhilfen (z. B. Spülmaschine, Mixer, Mikrowellenofen, etc.)
  • Bereiten Sie größere Portionen zu, die Sie bis zum endgültigen Verzehr in der Gefriertruhe bereithalten können
  • Lassen Sie die Lebensmittel über einen Bringservice kommen
  • Betreiben Sie in der Küche einen Lüfter, um übermäßige Erwärmung zu vermeiden.
  • Sitzen Sie während der Kostzubereitung (ein fahrbarer Hocker kann hier gute Dienste leisten)
  • Verlegen Sie die Kostzubereitung auf den Tagesabschnitt, in dem Sie die meiste Energie haben
  • Reservieren Sie die am bequemsten zu erreichenden Schrank- oder Regalabschnitte für die am häufigsten verwendeten Gegenstände
  • Bitten Sie andere um Hilfe!