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Ja zur Fitness: Gymnastik und MS 2015-04-08T09:34:32+00:00

Zusammengestellt von Michele Messmer Uccelli, Associazione Italiana Sclerosi Multipla, Bereich Sozial- und Gesundheitsforschung, Genua, Italien

Über Gymnastik gibt es eine breite Auswahl an Literatur. Der folgende Artikel fasst die wichtigsten der für MS-Erkrankte in verschiedenen Quellen empfohlenen gymnastischen Übungen zusammen. Die Quellen werden an den jeweiligen Stellen genannt.

Allgemein wichtig für die Gesundheit und das Wohlbefinden, kann Bewegung auch bei der Linderung von MS-Symptomen helfen. Eine wichtige von US- Forschern veröffentlichte Studie aus dem Jahr 1996 belegt die Eignung von Gymnastik für MS-Erkrankte, dies u. a durch positive Beeinflussung der Herz- Kreislauf-Kondition, allgemeine Kräftigung, Verbesserung der Blasen- und Darmfunktion, Linderung der Erschöpfungs- und Depressionssymptomatik, aufhellende Wirkung und Belebung der sozialen Aktivität.

Mehr noch – Bewegungsmangel führt bei gesunden wie MS-erkrankten Menschen zu gesundheitlichen Risiken wie Herzkrankheiten, Muskelschwäche, Gelenksteife, verringerter Knochendichte mit erhöhter Frakturgefahr und abgeflachter ineffizienter Atmung.

Ein in der Arbeit mit MS-Patienten erfahrender Physiotherapeut kann Betroffenen bei der Erarbeitung, Überwachung und Anpassung eines ausgeglichenen Gymnastikprogramms unterstützen. Wenn man einige Punkte beachtet, kann ein gutes Programm durchaus hilfreich sein bei der Ausschöpfung des Potentials von Muskeln, Knochen und Atmungsapparat, womit ohne Provokation sekundärer Komplikationen wichtige Grundlagen für Gesundheit und Wohlbefinden geschaffen sind. Vor der Aufnahme eines neuen Gymnastikprogramms sollte jeder MS-Erkrankte Rücksprache mit einem kompetenten Gesundheitsexperten halten (Quelle: The MS Information Sourcebook, National MS Society, April 2003).

Stärkung, Stretching und Bewegungsradius

Kräftigungsübungen können nach dem Prinzip des Widerstands zur Stärkung des Körpers beitragen. Bei Kräftigungsübungen wird der Widerstand progressiv gesteigert. Der Widerstand setzt am Muskel durch Übungsgeräte, elastische Bänder oder Gewichte an. Dieser Übungstyp kann auf spezifische Muskelgruppen beschränkt werden, die durch Nichtgebrauch dekonditioniert sind. Vor Aufnahme eines Kräftigungsprogramms muss unbedingt ein Physiotherapeut konsultiert werden, da bei Krafttraining das Risiko einer Verschlechterung der Spastizitätssymptomatik nicht ausgeschlossen werden kann.

Die Beweglichkeit der Gelenke kann durch zu straffen Sitz der Gelenkkapsel, durch Verkürzung der Bänder und Sehnen beeinträchtigt werden. Wird ein Gelenk nicht regelmäßig benutzt, so wird es steif und kann nicht mehr über den gesamten Bewegungsradius (engl. range of motion, ROM) bewegt werden. Ziel von ROM- Übungen ist es, den Bewegungsradius des Gelenks aufrechtzuerhalten. Dies wird dadurch erreicht, dass das Gelenk über den gesamten Bewegungsradius bewegt wird.

Stretching-Übungen werden bei Verkürzung von Muskeln und Sehnen empfohlen, durch die das Gefühl der Steifheit und Unbeweglichkeit entsteht. Solche Übungen sind oft zur Vorbeugung von Gelenkkontraktur empfehlenswert, bei der das Gelenk „einfriert“, so dass es nicht mehr über seinen gesamten Bewegungsradius bewegt werden kann (Quelle: Multiple Sclerosis: The questions you have, the answers you need, 3rd Edition, RC Kalb. Demos Medical Publishing, 2004).

Aerobic-Übungen

Aerobic ist jede Dauertätigkeit mit rhythmischer Ausprägung, die geeignet ist, Puls und Atemfrequenz zu beschleunigen. Beispiele für Aerobic sind Schwimmen und Fahrradfahren (mit Fußpedalen oder Hand-Cycling). Wichtig ist eine konsequente Ausführung der Aerobic- Programme. Empfohlen werden drei bis fünf Mal wöchentlich 30 Minuten. Das kann besonders Betroffenen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit oder MS-bedingter Erschöpfungssymptomatik recht viel vorkommen. Die 30 Minuten können auch in mehrere kleinere Übungszeiträume aufgeteilt werden. Allerdings lässt sich die Herz-Kreislauf-Gesundheit effektiver unterstützen, wenn mindestens drei Mal in der Woche für mindestens 20 Minuten eine erhöhte Pulsfrequenz aufrecht gehalten wird.

Yoga

Yoga ist eine aus Indien stammende Form der Übung, deren traditionelles Ziel es ist, durch körperliche und mentale Übungen einen Zustand vollkommener Gegenwart und Gelassenheit zu erreichen. Hierzu gehören Atemübungen und einige Streckübungen
der Wirbelsäule, durch die die Flexibilität des Körpers erhöht und Spannungen abgebaut werden. Einige Übungen werden einem MS-Erkrankten leichter fallen, andere wiederum könnten dem Betroffenen etwas Übung bzw. Anpassung abverlangen. (Quelle: The Multiple Sclerosis Resource Guide, https://www.msresourcenetwork.org)

Eine kürzlich in der USA veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass in einer wöchentlichen Yogagruppe aktive MS-Erkrankte bei einer Wiederholung der Übungen zu Hause eine ähnliche Kräftigung und Linderung der Erschöpfungssymptomatik erleben, wie dies im Zusammenhang mit Aerobic-Übungen registriert wurde. Obwohl sich Yoga und Aerobic bezüglich ihrer Wirkung auf den Gesundheitszustand von MS-Erkrankten sehr ähneln, liegt ein besonderer Vorteil von Yoga in seiner stressmildernden und entspannungsfördernden Komponente. Überdies fördert Yoga die Ausgeglichenheit. (Quelle: Yoga Matters: Exercise for MS by C. Haran https://www.understandingms.com)

Tai-Chi

Tai-Chi ist eine chinesische Kampfsportart mit buddhistischen Wurzeln, die dem Trainierenden weniger abverlangt als die meisten Yoga-Formen und im Sitzen praktiziert werden kann. Tai-Chi beinhaltet gewöhnlich eine Abfolge langsam fließender Bewegungen, die durch meditative Auseinandersetzung mit Bewegung und gesteigertem Körperbewusstsein die Ausgeglichenheit fördert. Die Bewegungen schärfen die propriozeptive Wahrnehmung, namentlich die Wahrnehmung der Bewegung im Raum. Dieser Ansatz ist von besonderem Wert für MS-Erkrankte, die oft Schwierigkeiten beim Umgang mit Berührung und Gleichgewicht haben. (Quelle: InsideMS, National MS Society, Volume 21, July-September 2003)

Wassergymnastik

Wassergymnastik wird oft empfohlen, weil Wasser ein für die Bedürfnisse MS-Erkrankter optimiertes Medium darstellt. Wasser wirkt den Gravitationskräften entgegen. Die daraus resultierende Schwerelosigkeit hilft an Gliederschwäche leidenden Personen bei der Ausdehnung ihres Bewegungsradius. Überdies kann brusttiefes Wasser vielen MS-Erkrankten helfen, bei stehenden Übungen Balance zu halten, wodurch die Energieressourcen des Trainierenden mehr geschont werden, als dies bei traditioneller Gymnastik möglich ist. Gleichzeitig kann der durch das Wasser wirkende Widerstand zu Muskelstärkung genutzt werden. Wasser schützt den Körper vor einer möglichen trainingsbedingten unerwünschten Erwärmung. Da so die Körpertemperatur unter einem bestimmten Wert gehalten wird, kann der Trainierende eine vorübergehende erwärmungsbedingte Verschlechterung der MS-Symptomatik vermeiden. Gewöhnlich wird eine Wassertemperatur von 27 – 29 °C empfohlen. (Quelle: The MS Information Sourcebook, National MS Society, March 2003)

Schlussbemerkung

MS-Erkrankte können je nach Lebensstil, körperlichen Voraussetzungen und Erreichbarkeit geeigneter Einrichtungen zwischen einer Vielzahl von Fitness- und Gymnastikmöglichkeiten auswählen. Für den Erfolg hängt viel von der richtigen Wahl der Trainingsart ab, die vor Aufnahme des Trainings zusammen mit einem Physiotherapeuten bzw. Gesundheitsexperten stattfinden werden sollte.

Die Vorteile von Flexibilität

  • Körperliche Kräftigung
  • Schulung des Bewegungsapparates
  • Unterstützung geistiger und körperlicher Entspannung
  • Entwicklung von Körperbewusstsein
  • Weniger Muskelkater
  • Linderung von Muskelverspannungen
  • Verminderte Steifheit

(Mit freundlicher Genehmigung der Multiple Sclerosis Society of Canada leicht verändert übernommen aus „Everybody Stretch: A physical activity workbook for people with various levels of multiple sclerosis“, 2003)

Da sich die MS-Symptomatik bei einer zu starken Erwärmung des Körpers verschlechtern kann, birgt zu intensive Aerobic u. U. Risiken für Betroffene. Zur Vermeidung einer unerwünschten Körpererwärmung hier einige Tipps:

  • Trainieren Sie in einem kühlen Raum (klimatisiert, belüftet)
  • Trainieren Sie bei einer Wassertemperatur von 27–29°C
  • Nehmen Sie kalte Getränke zu sich, um für die Übungen ausreichend hydriert zu sein, ohne die Temperatur unnötig zu steigern
  • Tragen Sie beim Training eine Kühlweste, Kühlkappe oder ein Nackenkissen
  • Nehmen sie vor Übungsbeginn ein kühlendes Bad
  • Ziehen Sie sich nicht zu warm an
  • Wischen Sie während der Übungen die Haut ab
  • Halten Sie ein moderates Tempo beim Training

(Leicht verändert übernommen aus: Keeping Active When You Have MS, MS Society of Great Britain and Northern Ireland, 2003)