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Einleitung zum Thema Intimität und Sexualität bei MS 2015-04-08T10:32:28+00:00

Von Fred Foley, PhD, Bernard Gimbel MS Center, New Jersey und Albert Einstein College of Medicine, New York, USA

Multiple Sklerose kann Veränderungen hervorrufen, die die übliche Art, in der eine Person ihre Sexualität auslebt, verändern. Menschen, die an MS leiden, bewahren ihre Fähigkeit, Liebe und Lust zu geben und zu empfangen, obwohl manchmal kreative Problemlösungen erforderlich sind, um Wege für das Ausleben der Intimität zu finden. Zu verstehen, wie die Symptome von MS Intimität und Sexualität beeinflussen können, ist ein wichtiger Schritt in Richtung der tatsächlichen Überwindung von Hindernissen. Egal ob jemand gerade von der Krankheit erfahren hat, ob er bereits körperlich behindert ist, ob er jung oder etwas älter ist, Single ist oder in einer festen Beziehung lebt: MS verringert das allgemeine menschliche Bedürfnis, Liebe und Lust zu geben und zu empfangen absolut nicht.

Sexuelle Veränderungen bei MS: Häufigkeit und Merkmale

In einigen Ländern wurden Studien über das Auftreten von sexuellen Problemen und Beziehungsproblemen bei MS durchgeführt. Die normalen sexuellen Fähigkeiten verändern sich zwar auch im Laufe des Lebens, aber MS kann die sexuellen Empfindungen eines Menschen auf vielfältige Art und Weise verändern. Studien über das Auftreten sexueller Probleme bei MS haben ergeben, dass 40-80 Prozent der Frauen und 50-90 Prozent der Männer sexuelle Beschwerden oder Probleme haben. Die am häufigsten angegebene Veränderung bei Männern ist eine verringerte Fähigkeit, eine Erektion zu bekommen oder zu halten und die Schwierigkeit, zum Orgasmus zu kommen. Die am häufigsten angegebene Veränderung bei Frauen ist ein teilweiser oder vollständiger Verlust der Libido (sexuelles Begehren), vaginale Trockenheit/Irritationen, verringerte Orgasmusfähigkeit und unangenehme sensorische Veränderungen im Genitalbereich.

Sexuelle Veränderungen bei MS können am besten in primäre, sekundäre und tertiäre Veränderungen unterteilt werden. Primäre sexuelle Funktionsstörungen entstehen aus den Veränderungen des Nervensystems, die die sexuelle Reaktion und/oder das sexuelle Empfinden direkt beeinträchtigen. Primäre Störungen können den teilweisen oder vollständigen Verlust der Libido (sexuelles Begehren), unangenehme oder verringerte Empfindungen im Genitalbereich, verringerte vaginale Lubrikation oder Erektionsstörungen bedeuten und zu einer verringerten Häufigkeit und/oder Intensität der Orgasmen führen. Sekundäre sexuelle Funktionsstörungen stehen mit den körperlichen Veränderungen durch MS in Zusammenhang, die das sexuelle Empfinden indirekt beeinflussen. Blasen- und/oder Darmschwäche, Müdigkeit, Spastik, Muskelschwäche, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Zittern in den Händen und nicht-genitale Veränderungen der Empfindsamkeit zählen zu den häufigsten MS-Symptomen, die zu sekundären sexuellen Funktionsstörungen führen können. Tertiäre sexuelle Funktionsstörungen entstehen
aus psychologischen und kulturellen Gründen, die mit sexuellen Gefühlen und Empfindungen in Konflikt geraten können. Depressionen, Leistungsdruck, Veränderungen bei der Rollenverteilung innerhalb der Familie, ein verringertes Selbstwertgefühl, Probleme mit dem Körperbild, Vertrauensverlust und verinnerlichte Ansichten und Erwartungen in Bezug darauf, was einen „sexuell aktiven Mann“ oder eine „sexuell aktive Frau“ im Zusammenhang mit einer Behinderung ausmacht, können Ausdruck einer tertiären sexuellen Funktionsstörung sein oder zu einer derartigen Funktionsstörung führen.

Das Zentralnervensystem und sexuelles Empfinden

Sexuelle Empfindungen werden über das Zentralnervensystem – das Gehirn und das Rückenmark – vermittelt. Im Zentralnervensystem gibt es kein bestimmtes Sexualzentrum. Viele verschiedene Bereiche des Gehirns sind in verschiedene Aspekte der Sexualität involviert, inklusive Sexualtrieb, Wahrnehmung sexueller Reize, Lustempfinden, Bewegung, Empfindung, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Sexuelle Signale werden zwischen den verschiedenen Bereichen des Gehirns/der Brustwirbelsäule (oben), der Lendenwirbelsäule (Mitte) und der Sakralwirbelsäule (unten), sowie den Genitalien während des sexuellen Reaktionszyklus übermittelt. Da MS zu willkürlich verteilten Beeinträchtigungen entlang vieler dieser myelinisierter Nervenbahnen führt, ist es nicht überraschend, dass so häufig von Veränderungen des Sexuallebens berichtet wird. Die gute Nachricht ist, dass es wahrscheinlich Nervenbahnen gibt, die Aspekte sexueller Empfindungen und Reaktionen übertragen und die so weit verzweigt sind, dass sie nicht durch MS beeinträchtigt werden.

In den folgenden Artikeln dieser Ausgabe von MS in Focus werden die wichtigen Aspekte des Sexuallebens im Zusammenhang mit MS besprochen – inklusive der Strategien zur Förderung des Begehrens und der Kommunikation mit einem Sexualpartner und dem Umgang mit anderen Symptomen der Krankheit, die das Sexualleben beeinträchtigen können.

Unglücklicherweise spricht das Gesundheitspersonal das Thema Sexualität nur selten an, da es sich dabei persönlich unwohl fühlt, nicht über die nötige berufliche Ausbildung in diesem Bereich verfügt oder Angst hat, den Patienten zu nahe zu treten. Es ist wichtig, Veränderungen im sexuellen Empfinden, sowie Strategien und Behandlungsmethoden zu besprechen, die bereits bestehen, um die Sexualität zu verbessern.