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Sekundäre Ursachen sexueller Probleme 2015-04-08T10:51:03+00:00

Von Dorothea Cassidy Pfohl, RN MSCN, Klinische Koordinatorin des MS- Zentrums, Universität Pennsylvania, Philadelphia, USA

Veränderungen durch MS können die sexuelle Empfindsamkeit beeinflussen, da sie die sexuelle Aktivität körperlich und emotional erschweren. Übliche Symptome von MS, wie Müdigkeit oder Veränderungen des Muskeltonus, fehlende Koordinierung oder Schmerzen, können das Ausleben der Sexualität verhindern und zum Verlust der Begierde führen. Darm- und Blasenschwäche können zu Unpässlichkeit und Verlegenheit führen. Veränderungen der Wahrnehmung stellen sogar für die hingebungsvollsten Paare eine Herausforderung dar, aber im Falle der oben genannten Symptome ist es möglich, kreative Wege zu finden, um Liebe auch weiterhin körperlich auszudrücken.

Menschen, die sich nicht gut fühlen oder von sich selbst denken, sie wären aufgrund eines nicht ganz so perfekten Körpers nicht attraktiv, versuchen Sex möglicherweise auszuweichen oder finden, dass ihr Liebesleben an Wert verliert. Menschen, die keine Beziehung haben, lassen sich möglicherweise ungern auf Dates und neue emotionale Bindungen ein. Oft haben sekundäre sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen und Männern mit MS indirekte Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden und die sexuelle Leistungsfähigkeit.

Beschwerden im Zusammenhang mit Sexualität sind bei der Bevölkerung insgesamt weit verbreitet und können tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Qualität einer Beziehung haben. Wenn dazu noch eine chronische Krankheit kommt, werden Probleme noch wahrscheinlicher. Dennoch wird über solche Probleme und Beschwerden nicht immer mit dem Partner oder mit medizinischem Personal gesprochen. Aber es gibt Methoden, die eingesetzt werden können, um mit solchen Symptomen umzugehen und sie in den Griff zu bekommen, um Intimität zu fördern, Beziehungen zu stärken und sexuelles Begehren, sowie dessen Ausdruck anzuregen.

Müdigkeit

Müdigkeit ist vielleicht das häufigste Symptom und zugleich möglicherweise das Symptom mit der größten Beeinträchtigung, über das MS-Patienten klagen. Für eine umfassende Besprechung der verschiedenen Arten und Ursachen von Müdigkeit, siehe Ausgabe 1 von MS in Focus (Januar 2003). Unabhängig von der Art oder der Ursache der Müdigkeit, kann diese sich negativ auf das Interesse an Sex auswirken und dazu führen, dass nur ungern die Initiative für Sex ergriffen wird oder dass Intimität sogar ganz vermieden wird. Der gesunde Partner könnte dieses „Desinteresse” und diesen Verlust des Begehrens missverstehen und diese Zurückweisung dem MS-kranken Partner übel nehmen. Dies kann zu einem Zeitpunkt geschehen, wenn zusätzliche Verantwortungen übernommen werden oder der Umgang mit der Veränderung der Rollen erlernt werden muss. Dieses veränderte Verhalten kann aber auch als persönliche Zurückweisung verstanden werden. Oft haben Partner von MS-Patienten Angst, diese zu verletzen. Eine gut funktionierende Kommunikation erfordert, dass Gefühle geteilt werden, offen und ehrlich mit ihnen umgegangen wird und es somit möglich wird, Alternativen für die Aufrechterhaltung einer befriedigenden sexuellen Beziehung trotz der körperlichen Veränderungen zu erproben.

Um die Müdigkeit in den Griff zu bekommen können Maßnahmen ergriffen werden, um die Energiereserven aufrecht zu erhalten. Diese Techniken können auch in bezog auf Sex angewendet werden. Möglicherweise könnte es sinnvoll sein, die Zeit für Intimität zu einer Priorität zu machen – vielleicht während desjenigen Tagesabschnittes, während dem der MS-Patient die meiste Energie hat. Ein Paar hatte sich einmal wöchentlich sozusagen ein „Date“ ausgemacht, während dem sie sich beide lang für das Mittagessen Zeit nehmen konnten. Die Planung und die Vorfreude auf ihre gemeinsam verbrachte Zeit während des Tages, wenn die Kinder in der Schule waren, erfüllte beide zutiefst. Möglicherweise ist es sinnvoll, den Lebensstil zu verändern, wenn der Tag nicht lang genug ist, um alles zu erledigen, was erledigt werden muss. Eine Vereinfachung der Aufgaben und das Annehmen verfügbarer Hilfe kann dazu beitragen, die Anspannung zu verringern. Eine gemeinsame Zeit der Ruhe einzuplanen kann der Müdigkeit entgegenwirken und gleichzeitig das Bedürfnis nach mehr gemeinsam verbrachter Zeit befriedigen.

Es gibt Medikamente, um die Müdigkeit zu behandeln, aber es gibt auch Medikamente, die sie noch verstärken. Wenn Medikamente Nebenwirkungen haben, von denen vermutet wird, dass sie die Müdigkeit noch verstärken, könnte eine Anpassung der Einnahmezeit dieses Problem lösen. Die Einnahme einer Dosis kann zeitlich so gelegt werden, dass mehr Energie vorhanden ist, wenn Zeit für Intimität geplant ist. Therapiepläne zur Behandlung der Krankheitssymptome sowie die Einnahme anderer Medikamente sollten mit einem Gesundheitsexperten besprochen werden, der Tipps und Anweisungen in bezog auf eine Anpassung geben kann, die negative Auswirkungen reduziert. Von Zeit zu Zeit kann eine Dosis ausgelassen oder verschoben werden, um die Nebenwirkung zu verhindern, die der sexuellen Leistungsfähigkeit oder dem Interesse an Sex im Weg steht.

Beide, sowohl der MS-Patient als auch sein Partner, haben ein Recht darauf, dass ihre Empfindsamkeiten und ihre Entscheidung, verschiedene Formen des sexuellen Lustempfindens anzunehmen oder abzulehnen, respektiert werden.

Schwäche

Bei Muskelschwäche ist es eventuell notwendig, die sexuellen Gewohnheiten zu verändern. Maßnahmen, um mehr Wohlbefinden zu erzeugen, wie beispielsweise durch richtig platzierte Kissen, schaffen eine zusätzliche Stütze und können spielerisch eingesetzt werden, um das perfekte Umfeld für Romantik zu schaffen. Neue Stellungen und verschiedene Ausdrucksweisen von Sexualität, wie zum Beispiel Massagen oder Oralsex können die Beziehung aufregender machen und das Selbstbild fördern, anstatt es negativ zu beeinflussen. Der Partner fühlt sich mit diesen Spielarten der Sexualität entweder wohl oder nicht und ist möglicherweise nicht bereit, bei „Sexspielen“ mitzumachen. Sowohl die Person mit MS als auch ihr Partner haben ein Recht darauf, dass ihre Empfindsamkeiten und ihr Wille, verschiedene Formen des Auslebens von Sexualität anzunehmen oder abzulehnen, respektiert werden. Die Ablehnung einer Alternative, die die Einschränkungen durch MS ausgleicht, bringt nicht zwangsläufig eine zurückweisende Haltung gegenüber der Person zum Ausdruck, und andere Ideen können weiterverfolgt werden.

Dem Verlust der Kondition (Schwäche durch Inaktivität) kann durch ein Fitnessprogramm abgeholfen werden, das an die körperlichen Einschränkungen des Patienten angepasst ist. Kegelübungen können zu einer Verbesserung des verringerten Tonus der Scheidenmuskulatur beitragen, da sie die Beckenbodenmuskulatur stärken. Für Informationen über die Ausführung von Übungen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, siehe Ausgabe 2 von MS in Focus (Juli 2003).

Koordinationsmängel und Zittern

Koordinationsmängel und Zittern können dazu führen, dass Sex und der Ausdruck der Sexualität unbeholfen wirken. Da diese Symptome unangenehm sind, können sie auch die Art und Weise beeinflussen, wie ein Paar Sex hat. Man darf nicht vergessen, dass MS-Patienten nach wie vor verhüten und sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen müssen. Allerdings sind früher angewandte Methoden möglicherweise nicht mehr länger sinnvoll. Es kann sein, dass der Partner beim Überstreifen des Kondoms oder beim Einsetzen des Diaphragmas helfen muss, und der Rollenwechsel vom pflegenden zum liebenden Partner kann schwierig sein. Auch hier können eine gut funktionierende Kommunikation zwischen den Partnern sowie die Beratung durch Fachleute dazu beitragen, Verlegenheit zu verringern und Nähe und Lust zu steigern.

Darm- und Blasenprobleme

Darm- und Blasenprobleme können eine weitere Quelle der Anspannung und der Angst sein. Diese Probleme gehen Hand in Hand mit sexuellen Dysfunktionen, da die verantwortlichen Nervenbahnen die selben sind oder nah beieinander liegen. Inkontinenz oder gar die Angst vor einem Zwischenfall können dazu führen, dass die Person versucht, Sex völlig aus dem Weg zu gehen und somit auch keine Möglichkeit mehr hat, die damit verbundene Nähe zu spüren.

Es gibt viele Möglichkeiten, um mit unkontrollierten Ausscheidungen umzugehen, aber das Gespräch darüber, dass man während dem Sex möglicherweise Urin oder Stuhl verliert und ein Plan für den Fall, dass es passiert, entspannen die Situation und können es dem Paar ermöglichen, ihre Sorgen in den Griff zu bekommen, ohne den Moment zu zerstören. Rehabilitationspläne für Darm und Blase können Verhaltensweisen beinhalten, die auf die jeweiligen Bedürfnisse der Person und des Paars abgestimmt sind. So kann es beispielsweise sehr effizient sein, einige Stunden vor dem Sex die Flüssigkeitsaufnahme einzuschränken. Bei Männern kann das Problem leichter Inkontinenz durch das Überziehen eines Kondoms gelöst werden. Bei Männern wie Frauen kann es zur Entspannung beitragen, wenn ganz einfach eine gute Unterlage ins Bett gelegt wird. Eine andere Strategie ist es, sich vor dem Austausch von Zärtlichkeiten vorübergehend einen Katheter zu setzen. Diese Technik dient dazu, die Blase völlig zu entleeren und dadurch der Person mehr Sicherheit zu geben, dass sie während dem Sex keinen peinlichen Zwischenfall erleben wird.

Bei MS treten Entzündungen der Harnwege häufig auf, und sie werden durch sexuelle Aktivitäten manchmal verschlimmert. Die richtige Einschätzung und Behandlung von Blasenproblemen kann viel dazu beitragen, die Lebensqualität und Unabhängigkeit zu wahren. Dauerkatheter können den Ablauf von Geschlechtsverkehr zwar erschweren, aber machen Sex nicht unmöglich. Mit der Beratung von Gesundheitspersonal kann der Beutel oft entleert und dann für gewisse Zeit abgeklemmt werden. Die Einführung eines langen Röhrchens in den Unterleib der Frau kann Ziehen verhindern, und der Katheter ist sicher aus dem Weg geschafft. Genauso kann ein in den Penis eingeführter Katheter zurückgefaltet, festgeklemmt, befestigt und dann ein Kondom übergestreift werden.

Schmerzen

Schmerzen können sowohl das Interesse an Sex, als auch die Leistungsfähigkeit deutlich beeinflussen. Schmerzstillende Mittel können die Schläfrigkeit oder Müdigkeit steigern. Zu verstehen, um welche Art von Schmerz es sich handelt, kann zur besten Lösung für den Umgang mit diesem Schmerz beitragen. Steife Muskeln, starker Juckreiz und Spastizität können allesamt als „Schmerz” bezeichnet werden.

Schmerzstillende Mittel müssen gut auf die Art des Schmerzes abgestimmt sein, den sie behandeln sollen und sie müssen in der richtigen Dosierung und zum richtigen Zeitpunkt verabreicht werden, um den Schmerz mit den geringsten Nebenwirkungen zu stillen. Eine zusätzliche oder zeitlich richtig eingenommene Dosis vor dem Austausch von Zärtlichkeiten kann oft eine effiziente Behandlung der Symptome sicher stellen und den Partner beruhigen, dass er/sie nicht zum Unwohlsein beiträgt. Außerdem ist es wichtig zu wissen, dass ein Symptom wie Spasmen der Aduktoren (die ein unwillkürliches Zusammenziehen der Beine verursachen) nichts über das Interesse der Person an Sex oder ihren Willens zum Sex aussagt. Auch in diesem Fall stellt wieder die Kommunikation den Schlüssel dazu dar, Missverständnisse und das Verletzen von Gefühlen zu vermeiden. Wasserlösliche Gleitmittel können den Geschlechtsverkehr angenehmer machen, ohne zu einem gesteigerten Risiko einer Infektion des Harntraktes zur führen.

Empfindsamkeit

Veränderungen der Empfindsamkeit können ebenfalls den Spaß am Sex beeinträchtigen (Siehe Seite 5 über „body mapping“). Symptome, die nicht die Genitalien betreffen, wie Taubheit und Kribbeln, können beide Partner ablenken und hemmen. Verringerte Empfindsamkeit im Genitalbereich kann das Lustempfinden beeinträchtigen, während Überempfindlichkeit sogar die sanfteste Berührung unerträglich machen kann. Was sich das eine Mal gut anfühlt, kann bei einer anderen Gelegenheit unerträglich schmerzhaft sein. Ein ehrliches Gespräch über Bedürfnisse und Einschränkungen kann Probleme verhindern, und einfache Lösungen sowie Medikamente können eingesetzt werden, um das Lustempfinden zu steigern. Durch eine so einfache Methode wie das sanfte Reiben des Perineums (Genitalbereich) einer Frau mit einem Päckchen gefrorener Erbsen, kann die Empfindsamkeit und die Lust steigern und als Vorspiel eingesetzt werden. Es gibt auch besondere Öle, die bei verringerter Empfindsamkeit Berührungen anregen und auch das Lustempfinden steigern. Vibratoren können allein oder mit dem Partner eingesetzt werden.

Mobilität

MS-Symptome können die sexuelle Reaktion indirekt beeinflussen. Mittel, die eingesetzt werden, um einen Funktionsverlust auszugleichen, können auch das Selbstvertrauen und das Selbstbild zerstören. Sie können als alles andere als sexy empfunden werden. Stöcke, Rollstühle, Stützbänder und Gehhilfen werden oft mit Krankheit und Alter assoziiert. Spontaneität kann ein Problem darstellen, wenn ein großer Aufwand betrieben werden muss, um sich zu bewegen. Um Hilfe zu bitten, ist oft schwierig. Es kann eine wirkliche Herausforderung sein, sich selbst als sexuell begehrenswert anzusehen, wenn der Körper absolut nicht perfekt ist und eine besondere Behandlung braucht, um erhalten zu werden. Sich von den Erwartungen in Verbindung mit leistungsorientiertem Sex, bei dem der
Geschlechtsverkehr als das einzig erstrebenswerte Ergebnis angesehen wird, zu entfernen, kann befreiend wirken und ermöglicht Lustempfinden und sexuelle Befriedigung trotz der Einschränkungen durch verringerte Mobilität.

Wahrnehmung

Veränderungen der Wahrnehmung können zu den potentiell schädlichsten Belastungen der Beziehung zählen, da sie das Selbstbild der Person untergraben können. Ein Partner kann das Gefühl haben, dass das nicht mehr länger der Mensch ist, den er einmal kannte. Veränderungen in bezog auf die Aufmerksamkeit und die Konzentration können als mangelndes Interesse oder mangelnde Liebe wahrgenommen werden und dadurch die Beziehung dauerhaft belasten. Stimmungsschwankungen, Gedächtnisverlust und Depressionen können beängstigend, frustrierend und manchmal nervenaufreibend sein. All dies stört die Intimität. Einzel- oder Paarberatung kann empfohlen werden.

Ein erfolgreicher Umgang mit kognitiven Symptomen schließt das Schaffen eines äußerst stimulierenden Umfeldes mit einem möglichst geringem Maß an Ablenkung ein. Die Partner können sich gegenseitig mitteilen, was für sie erregend ist und was nicht und was bei ihnen Hingabe und Interesse fördert.

Viele Symptome von MS sind nicht zu sehen, während andere sich schmerzvoll und ganz offensichtlich äußern. Alle Symptome können Auswirkungen auf die Lebensqualität und das Wohlbefinden haben. Während Veränderungen im Leben einen jeden betreffen, können Veränderungen durch MS die Sexualität direkt und indirekt beeinflussen. Ein erfolgreicher Umgang erfordert Kreativität, Kommunikation, Geduld und eine richtige Kräfteeinteilung, damit eine Person in der Lage ist, ihre sexuelle Identität zu wahren.