Sie erreichen uns jederzeit per E-Mail|office@ms-selbsthilfe.at
Sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen mit MS 2015-04-08T10:38:54+00:00

Von Farida Sharon van Rey, MD, Mitglied des neuro-urologischen Forschungsteams des University Medical Centre St. Radboud, Nijmegen, Niederlande

Frauenspezifische sexuelle Funktionsstörungen treten bei Frauen mit neurologischen Krankheiten, inklusive MS, sehr häufig auf. Der Großteil der Frauen mit MS leidet bei dieser Krankheit früher oder später unter sexuellen Funktionsstörungen. Im Vergleich zur allgemeinen weiblichen Bevölkerung, bei der 20-50 Prozent der Frauen betroffen sind, treten laut Schätzungen bei 80 Prozent der Frauen mit MS sexuelle Funktionsstörungen auf. Sexuelle Funktionsstörungen haben großen Einfluss auf die Lebensqualität und auf zwischenmenschliche Beziehungen. Für viele Frauen führen diese Störungen zu Sorgen in Bezug auf ihren Körper, zu emotionaler Aufgewühltheit und zur Zerstörung gesellschaftlicher Kontakte. Trotz ihrer starken Verbreitung wurden diese Aspekte des Wohlbefindens eines Menschen bisher stark vernachlässigt, sodass frauenspezifische sexuelle Funktionsstörungen ein sehr wichtiges, aber oft übersehenes MS-Symptom sind.

Wie reagiert der Körper auf sexuelle Stimulation

Zwei grundlegende körperliche Abläufe finden während der sexuellen Stimulation statt: Blutstauung und Muskelspannung.

Blutstauung bezieht sich auf die Konzentration von Blut in den Blutgefäßen und Geweben der Genitalien und Brüste. Bei Frauen führt dieser Zufluss von Blut zu einer Vergrößerung der Klitoris, einem Anschwellen der Schamlippen und zum Feuchtwerden der Vagina.

Muskelspannung oder neuromuskuläre Spannung bezieht sich auf die Steigerung der Energie in den Nerven und Muskeln. Während des Sexualaktes kommt es zu einer Anspannung der Muskeln im gesamten Körper, also nicht nur im Genitalbereich, sondern im gesamten Rumpf, insbesondere in den Brüsten und der Brustwand.

Bei Frauen führt der Blutstau in den Scheidenwänden zur Ausscheidung eines Sekrets in der Vagina, das sich auf die gesamte Scheidenschleimhaut verteilt und dadurch die innere Oberfläche der Vagina befeuchtet. Das Maß der Lubrikation oder “Feuchtigkeit” in der Scheide stimmt nicht zwangsläufig mit dem Grad der Erregung der Frau oder ihrem Wunsch nach Geschlechtsverkehr überein. Ein Anschwellen der Klitoris und der Schamlippen tritt auch in Folge der Blutstauung während der Erregungsphase auf. Darüber hinaus verlängern und dehnen sich die inneren zwei Drittel der Vagina, der Gebärmutterhals, sowie der Uterus werden angehoben und die äußeren Schamlippen werden flach und gehen auseinander. Die Brustwarzen können hart werden, die Brüste leicht anschwellen und die Venen in den Brüsten treten möglicherweise deutlicher hervor.

Wie und warum kann MS die sexuellen Fähigkeiten beeinflussen

Sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen haben viele Ursachen und Auswirkungen. Anomalien des Blutkreislaufs, hormoneller Zustand, Nervenfunktion und geistiges Wohlbefinden beeinflussen die sexuellen Fähigkeiten. Daher können einer oder mehrere dieser Faktoren zu einer sexuellen Funktionsstörung führen. Verletzungen im Gehirn können die Interpretation sexueller Stimulierungen als erregend stören, während Verletzungen des Rückenmarks die Übertragung erregender Nervensignale zu den Genitalien beeinträchtigen können. Verletzungen in der Sakralwirbelsäule (unten) können ebenfalls zu primären sexuellen Funktionsstörungen führen, da der Blutstau eingeschränkt oder verhindert wird, was dazu führt, dass das Anschwellen der Klitoris und/oder die vaginale Lubrikation eingeschränkt oder völlig verhindert werden.

Bei primären sexuellen Funktionsstörungen können durch MS verursachte Verletzungen im Rückenmark es schwierig machen, die Schwellung der Klitoris/der Vagina während der Plateauphase (zwischen Erregung und Orgasmus) aufrecht zu erhalten. Außerdem können sensorische Veränderungen in den Genitalien zur Unterbrechung oder Abschwächung von Nervensignalen führen, die den Blutstau auf Ebene des Rückenmarks und der zerebralen Kortex (Hirn) anregen und/oder aufrecht erhalten.

Arten und Häufigkeit

Ungefähr 80 Prozent der Frauen mit MS leiden irgendwann während des Krankheitsverlaufs an sexuellen Funktionsstörungen. Manche Frauen haben keinen Geschlechtsverkehr mehr, während andere (ungefähr 40%) berichten, dass der Geschlechtsverkehr für sie sehr unbefriedigend verläuft. Symptome, von denen häufig berichtet wird, sind eine verringerte Sinnesempfindung im Genitalbereich (48 Prozent), verringerte vaginale Lubrikation sowie Probleme, erregt zu werden (35 Prozent) und Probleme oder die Unfähigkeit, einen Orgasmus zu bekommen (72 Prozent). Ein Symptom, von dem Frauen mit MS auch häufig berichten, sind Schmerzen während des Geschlechtsverkehrs, die auf die Trockenheit der Scheide, Spastizität oder Überempfindlichkeit zurückgeführt werden können.

Evaluierung

Da die sexuellen Empfindungen von Frauen mit MS von vielen verschiedenen Faktoren abhängen, muss eine umfassende Evaluierung all dieser Aspekte berücksichtigt werden. Eine Evaluierung sollte die gesamte Krankengeschichte, eine ärztliche Untersuchung und eine Untersuchung des Beckenbereichs umfassen. Obwohl sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen mit MS oft neurologischen Ursprungs sind, werden diese Störungen nicht immer im Rahmen der klinischen Praxis evaluiert. Oft ist es einem Kliniker möglich, ein Problem zu erkennen und zu beginnen, es auf Grundlage der Informationen, die der Patient während der Untersuchung auf einige wenige relevante Fragen angibt, zu evaluieren. Da das Stellen derartiger Fragen nicht immer zur Routine des Gesundheitspersonals zählt, entgehen dem Mitarbeiter oft wichtige Informationen, und Probleme, unter denen der MS-Patient leidet, werden nicht angesprochen.

Mögliche Behandlungsmethoden

Östrogencremes können Frauen helfen, die unter Trockenheit, Schmerzen oder Brennen in der Vagina leiden. Eine andere Behandlungsmöglichkeit für diese Symptome stellen Scheidenzäpfchen dar, obwohl diese möglicherweise nicht in allen Ländern erhältlich sind. Einerseits hat sich leider herausgestellt, dass viele der Medikamente, die für die Behandlung männerspezifischer sexueller Funktionsstörungen in Folge von MS wirkungsvoll zu sein scheinen, bei anderen Symptomen frauenspezifischer sexueller Funktionsstörungen wirkungslos sind und andererseits wurden diese Medikamente bisher noch nicht umfassend untersucht.

Schlussfolgerungen

Sexuelle Funktionsstörungen treten bei Frauen mit MS sehr häufig auf. Die Evaluierung und Behandlung dieser Probleme ist kompliziert. Es ist wichtig, sexuelle Probleme während Routineuntersuchungen anzusprechen, um Symptome, die einen negativen Einfluss auf das Privatleben des Patienten und auf die Partnerschaft haben können, zu erkennen und zu behandeln.