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Tertiäre Ursachen sexueller Probleme 2015-04-08T10:55:30+00:00

Von Elizabeth McDonald, Krankenhausdirektorin, MS-Gesellschaft Victoria, Australien,

Sexualität ist eine Gesamtentwicklung der Gefühle und der Identität einer Person, ihres Wohlbefindens und ihres Selbstwertgefühls, in der sowohl soziale als auch körperliche Beziehungen eine Rolle spielen. Sie ist ein individueller, lebenslanger Prozess, der entscheidend durch die persönliche Wahrnehmung, durch soziale Konditionierung und durch kulturelle und religiöse Faktoren beeinflusst wird.

Die Auswirkungen von MS auf die Sexualität

Der Ausbruch von MS kann die Art und Weise, wie eine Person sich selbst als Individuum wahrnimmt, und damit auch ihre sexuelle Entwicklung und den Ausdruck von Sexualität, verändern. Außerdem können Sex und Intimität negativ beeinflusst werden. Dies sind bekannte tertiäre sexuelle Probleme im Zusammenhang mit MS, die neben den direkten neurologischen Dysfunktionen (primäre sexuelle Probleme) und den Symptomen von MS (sekundäre sexuelle Probleme) aufgrund der psychischen und sozialen Veränderungen entstehen.

Obwohl MS keine Krankheit der gesamten Person ist, kann sie die Wahrnehmung des „Ich” belasten und herausfordern, was zu negativen Folgen für die Sexualität und das Ausleben von Sexualität führt. Für MS-Patienten kann es schwierig sein, sich selbst als sexuell aktive Menschen zu sehen, die an Sex denken und sexuelle Wünsche und Bedürfnisse haben, während sie sich gleichzeitig mit der Rolle einer chronisch kranken Person identifizieren müssen.

Individuen sehen sich selbst als vollwertige Personen in bezog auf ihre Rollen in Familien, Freundeskreisen, Sportvereinen, Aktivitäten und Beschäftigungen. Das Gefühl, die Kontrolle über Ereignisse zu verlieren oder wegen MS unvorhergesehenen Veränderungen zu unterliegen, kann das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl einer Person beeinflussen und den Schwung von Beziehungen – insbesondere von engen und intimen Beziehungen – verändern.

MS und die damit verbundenen unvorhersehbaren Rückfälle, sowie der ungewisse Krankheitsverlauf, werden oft zu einem Zeitpunkt diagnostiziert, zu dem Zukunftsträume und –pläne entstehen und Beziehungen und Karrieren beginnen. Die Diagnose von MS kann die Hoffnungen, die eine Person in die Zukunft setzt, durchaus deutlich dämpfen. Dies kann zu Reaktionen wie Trauer, Angst und Depression, verringertem Selbstwertgefühl und geringerem Selbstvertrauen führen. Derartige Gefühle können das Interesse an Sex verringern und zum Verzicht auf das Ausleben der Sexualität führen.

Die Angst vor einer möglichen Behinderung oder aufgrund einer bereits bestehenden Behinderung kann eine negative Auswirkung auf die Wahrnehmung des Körpers haben. Menschen mit MS fühlen sich möglicherweise sexuell weniger aktiv oder attraktiv. Dies wird in Kulturkreisen besonders deutlich, in denen Begehrtheit mit Schönheit, Fitness und Gesundheit assoziiert wird. Sexuelle Empfindungen und sexuelle Aktivität sind nicht jungen und gesunden Menschen vorbehalten, obwohl dies das Bild ist, das die Medien uns vermitteln.

Die zunehmende Behinderung kann Veränderungen in der häuslichen Routine, die Reduzierung oder die Beendigung der beruflichen Tätigkeit und verringerten gesellschaftlichen Kontakt mit sich bringen. Diese Entwicklung kann für diejenigen, die ihre Hauptrolle zum Beispiel im Verdienen des Unterhalts für die Familie oder in der Versorgung des Haushalts gesehen haben, äußerst schwer zu verkraften sein. Behinderung kann auch wegen des Bedarfs an persönlicher Pflege zu Abhängigkeit von anderen führen. Wenn der Partner sich um diese Pflege kümmert, kann es sehr schwierig sein, die Rolle des pflegenden Partners von der des liebenden Partners zu trennen. Mobile Pflegedienste, Krankenpfleger und Mitarbeiter von Heimkrankenpflegediensten, die ins Haus kommen, geben MS-Patienten möglicherweise das Gefühl, in allen Bereichen ihres Lebens ausgesetzt zu sein und nur sehr wenig Privatsphäre zu haben.

Die Verarbeitung der Auswirkungen von MS und der Symptome kann dazu führen, dass man die emotionalen und psychischen Aspekte des Lebens insgesamt vernachlässigt. Die einfache Erfüllung der körperlichen Bedürfnisse bei den täglichen Aktivitäten kann zur Folge haben, dass wenig Zeit oder Energie für emotionale Zuwendung und intime Beziehungen bleibt. Dies tritt besonders deutlich zu Tage, wenn Müdigkeit als MS-Symptom auftritt.

Man darf nicht vergessen, dass MS-Patienten nicht isoliert sind und nicht in einem Vakuum leben. Ihre Sorgen und Probleme betreffen auch Dritte. Wenn diese Faktoren außer Acht gelassen werden und nicht laufend und ehrlich darüber gesprochen wird, können Konflikte sogar in gefestigten Partnerschaften auftreten. Nicht selten ergeben sich daraus Missverständnisse, ist der Partner dem Patienten böse oder fühlt sich der Partner zurückgewiesen, da er erkennt, dass sich alles nun mehr um MS dreht.

Umgang mit tertiären sexuellen Problemen

MS-kranke Menschen, die Probleme mit der Sexualität haben, müssen sich selbst Zeit geben, um ihre Gesamtsituation einzuschätzen und um sich darauf vorzubereiten, ihren Nächsten ihre Probleme anzuvertrauen. Obwohl das ist nicht immer einfach ist, kann Literatur über MS und Sexualität nützliche Informationen liefern und dazu beitragen, ein Gefühl der Isolation und des Alleingelassenseins zu überwinden. Es gibt auch Informationen über Behandlungen und Hilfsmittel. Für Partner kann es sehr hilfreich sein, derartige Informationen zu lesen und gemeinsam zu besprechen. Eine Zeit festzulegen und ein ausgeglichenes Umfeld zu schaffen, um über sexuelle Probleme zu sprechen, trägt dazu bei, eine Atmosphäre zu schaffen, in der gegenseitige Offenheit möglich ist. Es ist sehr wichtig, behutsam miteinander umzugehen und Gefühle ohne Vorwürfe und Beschuldigungen auszudrücken. MS-Patienten und ihre Partner sollten sich an die Bereiche, die Anlass zur Sorge geben, langsam herantasten und sich gegenseitig aufmerksam zuhören, da Missverständnisse und Vorwürfe oft die Folge von unzureichender oder fehlender Kommunikation und zu geringem oder fehlendem Respekts vor der Meinung des anderen sind. Dabei darf man nicht vergessen, dass es bei Sexualität nicht nur um den Geschlechtsverkehr an sich geht. Sexuelle Lust kann empfunden und erzeugt werden, indem besondere Zeiten, Plätze und Rituale geschaffen werden. Das erfordert Zeit, Anstrengungen und Hingabe.

Es kann ebenfalls sinnvoll sein, sich bei Problemen in bezog auf die Sexualität für weitere Hilfe an Fachleute zu wenden. So wie es für Menschen mit MS schwierig und peinlich sein kann, solche Themen anzusprechen, können auch manche Ärzte und das Pflegepersonal Probleme damit haben. Daher ist es wichtig, unter den MS-Betreuern einen Ansprechpartner zu finden, bei dem man sich wohl fühlt oder den Kontakt zu jemandem zu suchen, der sich auf diesen Bereich spezialisiert hat. Diesen Termin gemeinsam wahrzunehmen und Fragen vorher schriftlich festzuhalten, kann hilfreich sein und sicher stellen, dass die Aufmerksamkeit auf eine erste Beratung gerichtet ist.

Für das Gesundheitspersonal besteht der Schlüssel zur Behandlung tertiärer sexueller Probleme bei MS darin zu erkennen, welche Aspekte eine negative Auswirkung auf das Wohlbefinden und die Sexualität der einzelnen Person haben. Dazu gehört auch die Erkennung primärer und sekundärer sexueller Probleme, sowie psychischer Faktoren und deren komplexen Zusammenhangs. Es ist von größter Bedeutung, den MS-Patienten als ganze Person im Zusammenhang mit seinem Lebensstil, seinen Werten, Rollen, Wünschen und Beziehungen zu sehen. Die Behandlung hängt von einem offenen und ehrlichen Gespräch über sexuelle Themen ab. Die Behandlung zugrundeliegender Depressionen und Ängste kann eine medikamentöse Behandlung und psychologische Beratung, sowie dauerhafte Beobachtung und Unterstützung erfordern.

Eine Beratung kann Menschen helfen, Gefühle zu ergründen und Gespräche auf respektvolle und professionelle Art und Weise zu erleichtern. Negative Emotionen, wie Schuld, Wut und Unmut können in einem neutralen Umfeld erkannt, im Kontext betrachtet und besprochen werden. Themen, deren Besprechung alleine vielleicht als zu peinlich betrachtet wird, können in einer offenen und einladenden Atmosphäre besprochen werden. Strategien zur Verbesserung der Situation oder zur Umsetzung neuer Möglichkeiten, Sexualität zu betrachten und zu entwickeln, können eingeführt werden.

Sexualität ist ein wichtiger Aspekt des menschlichen Lebens und darf bei der Betrachtung der Auswirkungen von MS auf einen Menschen nicht vernachlässigt werden. Das gesteigerte Bewusstsein und die Anerkennung der Auswirkungen von MS auf die Sexualität haben den Umgang mit diesen Auswirkungen und die Behandlungsmöglichkeiten für MS- Patienten, die in diesem Bereich Probleme haben, sehr stark verbessert.