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Die Bewertung der Alternativmedizin 2015-04-10T14:32:02+00:00

Roberta Motta, Clinical Nurse Coordinator, Italian MS Society Rehabilitation Centre, Genua, Italien

Für viele Menschen mit MS ist die Pflegeperson (Pflegeperson hier stellvertretend für Pflegepersonal, auch die MS-Schwester, Anm. d. ÜS.) der erste Ansprechpartner, um über Alternativmedizin zu sprechen. Das gilt besonders dann, wenn die Pflegeperson die Möglichkeit hat, eine Beziehung basierend auf gegenseitigem Respekt und Offenheit zum Patienten einzugehen. In dieser Art von Umgebung wird es dem Menschen mit MS einfacher fallen, offen über Alternativmedizin zu sprechen, ohne Angst haben zu müssen, deshalb ausgelacht zu werden. Die Angst davor, ausgelacht zu werden, hält viele Menschen mit MS davon ab, offen mit ihrem behandelnden Arzt zu sprechen, insbesondere, wenn die Alternativmedizin strittig ist.

Es ist ausgesprochen wichtig, Fragen über alternative Behandlungsmethoden zum Bestandteil des regulären Arztbesuches zu machen. Die Pflegeperson kann mit gutem Beispiel vorangehen und die Wichtigkeit von alternativen Behandlungsmethoden hervorheben, indem sie sie neben der Besprechung der aktuellen Medikation und der Symptome zum Bestandteil des Arztbesuches macht.

Falls der Patient Interesse an einer bestimmten Form der Alternativmedizin zeigt, diese aber noch nicht ausprobiert hat, übernimmt die Pflegeperson die wichtige Rolle, ihn bei der Bewertung der alternativen Behandlungsmethode zu beraten. Es gibt verschiedene Aspekte, die besprochen werden müssen, darunter die folgenden:

  • Wer schlägt die Behandlung vor? Falls es sich dabei um eine Einzelperson handelt: Verfügt diese Person über das spezifische Wissen und verifizierbare Erfahrung auf diesem Gebiet? Weiß diese Person etwas über MS? Hat diese Person einen finanziellen Vorteil davon, diese Behandlung vorzuschlagen? Handelt es sich dabei um ein Unternehmen und verfügt das Unternehmen über Erfahrung auf dem Gebiet der MS?
  • Auf welchem Prinzip basiert die Behandlung? Basiert sie auf einem wissenschaftlichen Konzept?
  • Wurde sie bei MS schon ausprobiert? Gibt es Beweise dafür, dass sie effektiv ist? Die Patienten sollten unbedingt davor gewarnt werden, Behandlungen aufzunehmen, die aufgrund von persönlichen Erfolgsgeschichten empfohlen werden.
  • Wie gestaltet sich die Behandlung und wie lange sollte sie angewandt werden?
  • Welches sind die Risiken und Nebenwirkungen der Behandlung?
  • Welche Gegenanzeigen der Behandlung existieren in Bezug auf andere „konventionelle” Behandlungsformen, die der Patient im Moment verfolgt?
  • Wie teuer ist die Behandlung?

Falls die Person erzählt, dass sie oder er derzeit eine alternative Behandlungsmethode einsetzt, sollte die Pflegeperson versuchen zu verstehen, welche Auswirkungen diese auf die MS haben könnte. Deshalb ist es dann ausgesprochen wichtig, Informationen auf verlässlichen Internetseiten oder in anderen Veröffentlichungen zu suchen und mit anderen Mitgliedern des Behandlungsteams zu sprechen, die mehr über diese Behandlungsmethode wissen. Es ist gut möglich, dass Sie nicht gleich in der Lage sind, die alternative Behandlungsmethode sofort zu besprechen und zu bewerten, insbesondere, wenn Sie als Pflegeperson diese Methode nicht kennen. In diesem Fall sollten Sie einen neuen Termin vereinbaren, damit Sie sich in der Zwischenzeit umfassend informieren können.

Falls die Person mit MS Ihnen mitteilt, dass er/sie bereits eine konventionelle Behandlungsmethode oder eine Behandlung, die von einem Neurologen oder einem anderen Arzt verschrieben wurde, durch eine alternative Behandlungsmethode ersetzt hat, dann ist es wichtig, dass Sie als Pflegeperson die möglichen Konsequenzen besprechen. Wenn zum Beispiel eine immunmodulierende Behandlungsform unterbrochen wird, kann sich das Risiko eines Rückfalls erhöhen. Die Zeit, die erforderlich ist, um den vollen therapeutischen Behandlungserfolg wiederherzustellen, sobald die Medikation wieder aufgenommen wird, kann Wochen, Monate oder sogar noch länger dauern. Darüber hinaus haben einige Methoden der Alternativmedizin, wie Sie in dieser Ausgabe von MS in focus beschrieben werden, einen stimulierenden Effekt auf das Immunsystem. Während für einige Erkrankungen oder Probleme eine Stimulation des Immunsystems durchaus Sinn macht, können die Konsequenzen bei MS potenziell schädigend sein. Einige andere charakteristische Eigenschaften von MS, wie z. B. die Hitzeempfindlichkeit oder Spastizität, machen einige alternative Behandlungsmethoden zu einer unsicheren Wahl.

Oft erzählen Menschen mit MS, die eine Alternativmedizin ausprobiert haben, dass sich die MS während der Behandlung verbessert hat. Die Pflegeperson sollte wiederholt darauf hinweisen, dass MS eine unberechenbare Erkrankung mit Schüben und Remissionen ist. Bei einigen der Erfolgsgeschichten nach der Anwendung alternativer Behandlungsmöglichkeiten gibt es keinerlei Möglichkeit zu beweisen, dass die Verbesserung auf Grund der Alternativmedizin zustande gekommen ist und nicht auf Grund der spontanen Änderungen, die bei MS so typisch sind.

Einige der alternativen Behandlungsmethoden haben gezeigt, dass sie für Menschen mit MS Vorteile bieten, obwohl die meisten davon noch nicht in derselben rigorosen Art und Weise getestet wurden, wie das bei konventionellen Methoden gefordert ist. Persönliche Erfahrungsberichte und Werbung in den Medien heben die Erwartungen und lassen oft falsche Hoffnungen aufkommen.

Eine umfassende Bewertung der alternativen Behandlungsmethode, bei der auch der behandelnde Arzt und das Behandlungsteam die Person dabei unterstützen sollten, die möglichen Risiken und Vorteile kennenzulernen, ermöglicht es, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Die Pflegeperson wird vor Allem darauf achten, eine unterstützende Beziehung mit dem Patienten beizubehalten, selbst wenn es nicht möglich sein sollte, eine Einigung zu finden.

Im Folgenden geben wir Ihnen einige allgemeine Empfehlungen für Menschen mit MS in Bezug auf die alternative Behandlungsmethoden:

  • Besprechen Sie die alternative Behandlungsmethode mit Ihrer MS-Schwester oder Ihrem Neurologen, bevor Sie etwas Neues ausprobieren. Stellen Sie jedwede Information, die Sie über die Sie interessierende Alternativmedizin finden, auch Ihrer MS-Pflegeperson oder Ihrem Neurologen zur Verfügung.
  • Setzen Sie keine Medikamente ab/ersetzen Sie keine Medikamente, ohne dies vorher mit Ihrer MS- Schwester oder Ihrem Neurologen besprochen zu haben.
  • Trauen Sie den „geheimen Mittelchen”, die oft in den Medien angeboten werden, nicht unbedingt blind.
  • Falls Sie irgendwelche Fragen über die alternative Behandlungsmethode haben, dann sollten Sie darum bitten, dass sich Ihre MS-Schwester oder Ihr Neurologe mit dem Anbieter der Alternativmedizin in Verbindung setzen darf, um weitere Informationen zu erhalten.
  • Falls Sie sich dafür entscheiden, bestimmte Behandlungsmethoden der Alternativmedizin auszuprobieren, informieren Sie Ihren Neurologen und Ihre MS-Schwester darüber, wie diese Behandlung anschlägt.