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Musiktherapie bei MS 2015-04-10T14:20:59+00:00

Concetta M. Tomaino, D.A. MT-BC, LCAT, Executive Director, Institute for Music and Neurologic Function, und Senior Vizepräsident, Music Therapy Services, Beth Abraham Family of Health Services, New York, USA

Für viele Menschen ist Musik so sehr ein Teil unseres Lebens, dass wir oft vergessen wie wirksam sie auch als Behandlungsmethode eingesetzt werden kann. Musik beeinflusst uns in vieler Hinsicht. Sie hilft uns dabei, uns zu entspannen, in Erinnerungen zu schwelgen und sorgt dafür, dass wir uns insgesamt besser fühlen. Da die Musik unser Gehirn auf mehreren Ebenen beeinflusst, kann sie auch eingesetzt werden, um bestimmte körperliche, psychologische und kognitive Blockaden zu lösen. Musik wird nicht in einem spezifischen Bereich des Gehirns verarbeitet, sondern eher in vielen Bereichen, daher kann sie potenziell auch für Mehrfach-Behandlungsansätze eingesetzt werden.

Was ist Musiktherapie?

Musiktherapie ist der systematische Einsatz von Musik im Rahmen einer sich entwickelnden Beziehung zwischen einem professionellen Musiktherapeuten und einer Person, um körperliche, emotionale, psychosoziale und neurologische Funktionen wiederherzustellen, zu erhalten und/oder zu verbessern. Nicht nur Lieder, sondern auch die verschiedenen Komponenten von Musik, wie z. B. ein bestimmter Ton oder eine Tonfrequenz, verschiedene Takt- oder Rhythmusmuster, Harmonien und Melodien können unabhängig voneinander eingesetzt werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Der Musiktherapeut wird mit der Person zusammenarbeiten, um verschiedene Arten von Musik zu erkunden und/oder ihn/sie aktiv in musikalische Improvisationen mit einbeziehen, um herauszufinden, inwieweit Musik eine höchstmögliche therapeutische Wirkung erzielen kann.

Wie kann Musiktherapie Menschen mit MS helfen?

Von der Unterstützung bei der Stressbewältigung bis zur Linderung von Schmerzen und Spastizität legen Untersuchungen im Bereich Musiktherapie nahe, dass sie einen positiven Effekt auf viele der Probleme haben kann, mit denen Menschen mit MS sich auseinandersetzen müssen, insbesondere psychologischer Art. Der Rhythmus der Musik kann zum Beispiel bei der Balance und Koordination hilfreich sein. Der Rhythmus kann den Impuls zur Bewegung auslösen und die Motivation fördern, sich vermehrt körperlich zu bewegen. Menschen, die Musik hören, während sie gehen oder Sport treiben, führen diese Bewegungen gleichmäßiger aus.

Der Musiktherapeut untersucht verschiedene Rhythmus-Muster oder musikalische Stilrichtungen mit dem Patienten, um herauszufinden, welche Muster beim Gehen, beim Halten der Balance und der Bewegung insgesamt hilfreich sein könnten. Menschen mit MS berichten davon, dass die Konzentration auf den Rhythmus und der Versuch, die einzelnen Takte zu fühlen, dafür sorgt, dass sie besser gehen oder Bewegungen besser hintereinander ausführen können. Eine erhöhte körperliche Aktivität und Aufmerksamkeit kann durch therapeutisches Trommeln und auf Rhythmus basierende Aktivitäten auch bei den Patienten erzielt werden, die sehr begrenzt bewegungsfähig sind.

Musiktherapie hilft auch bei kurzfristigem Erinnerungsverlust und Einschränkungen des kognitiven Wahrnehmungsvermögens. So wie TV- oder Radiowerbung bestimmte Melodien einsetzt, damit sich die Zuschauer/Zuhörer bestimmte Informationen wie Telefonnummer und Adressen besser merken können, kann ein Musiktherapeut ein musikalisches Hilfsmittel entwickeln, damit ein Patient sich seinen Namen, Telefonnummer und Adresse besser merken kann. Bei Problemen mit dem Langzeitgedächtnis kann Musik, die für den Patienten besonders wichtig ist, Gefühle und Assoziationen zu vergangenen Ereignissen wiederherstellen. In der Musiktherapie wird der Einsatz von vertrauter Musik auch eingesetzt, um die Aufmerksamkeit und die Wiedererkennung zu stimulieren, die Verbalisierung zu verbessern, Angstgefühle zu reduzieren und weitere Verbesserungen in der Lebensqualität hervorzurufen.

Einige Menschen mit MS leiden unter Hypophonie (leise und monotone Stimme) oder Dysarthrie (ein motorisches Sprachproblem), die die verbale Kommunikation erschweren. Wenn man die Wörter eines Liedes singt, verbessert sich unter Umständen der Atemfluss, der erforderlich ist, um Sprache hörbar zu machen sowie die Artikulierung und die zeitliche Abstimmung, die für die Verständlichkeit von entscheidender Bedeutung sind. Der Musiktherapeut wird den Patienten zu lyrischem Gesang ermutigen oder vokale Übungen vorschlagen, die ihm beim Sprechen unterstützen können.

Die Musiktherapie kann auch psychologische Probleme wie Depressionen und Angstgefühle lindern. Dabei ermutigt der Musiktherapeut den Patienten, sich durch improvisierte oder komponierte Musik auszudrücken, die sich auf ein bestimmtes Problem bezieht. Die Person kann dann verbal oder non-verbal über Musik ein Gefühl ausdrücken. Darüber hinaus kann der Patient lernen, sich mit Gefühlen der Vergangenheit auseinanderzusetzen oder auch mit aktuellen Problemen wie Verletzungen, Erkrankungen, Verlusten oder dem Verlust einzelner Funktionen oder der Unabhängigkeit umzugehen. Musiktherapie wurde auch schon eingesetzt, damit einzelne Personen ihre Ängste, Beklemmungen, seelischen Blockaden oder Widerstände ausdrücken und sich mit ihnen auseinander setzen können, um so die Kontrolle über ihre persönliche Gesundheit und Lebensqualität wiederzuerlangen. Die Teilnahme an Musiktherapiegruppen, darunter auch therapeutische Trommelgruppen, Tanz- und Bewegungsgruppen, können eine Möglichkeit des Selbstausdrucks und eine engere Verbindung mit anderen schaffen. Die aktive Musiktherapie kann also sowohl körperliche als auch seelische Auswirkungen haben.

Da einige der MS-Symptome sich unter Stress verschlimmern, kann es durchaus sinnvoll sein, sich solcher Werkzeuge zu bedienen, um Stressbewältigung und Entspannung zu fördern. Die Forschung hat gezeigt, dass das Hören von angenehmer Musik die Anzahl bestimmter Neurotransmitter erhöht, was zu einer verbesserten Stimmung führt und Schmerzen oder Unwohlsein lindert. Die Musik hilft zu entspannen, und zwar durch die Assoziationen, die jeder einzelne mit der Musik verbindet, aber auch durch ihre beruhigende körperliche Wirkung. Der Musiktherapeut kann psychotherapeutisch tätig werden und eine musikalische Umgebung schaffen oder den Patienten in eine musikalische Erfahrung einbinden, damit er seinen Stress und die emotionalen Probleme, die auf seine Stimmung drücken, besser verstehen lernt. Techniken, die den Entspannungsübungen bei der Meditation und beim Yoga nicht unähnlich sind, können auch mit Musik eingesetzt werden, indem das langsame Atmen in den Vordergrund gehoben wird.

Zusätzlich zur Musik gibt es andere, auf Geräuschen basierende Behandlungsformen, die ebenfalls sehr nützlich sein können. Physioakustik beschreibt zum Beispiel den Einsatz bestimmter Geräuschfrequenzen, um mitschwingende Vibrationen in bestimmten Körperbereichen, wie z. B. dem Rücken oder den Beinen, zu fördern. Dabei werden ein Stuhl oder ein Bett mit einem Frequenzgenerator ausgestattet, der so programmiert ist, dass bestimmte Frequenzen durch die betroffenen Körperteile fließen.

Musiktherapie ist eine kostengünstige Behandlungsmethode mit geringem Risiko, die einige der MS-relevanten Symptome lindern können. Obwohl noch keine groß angelegten, rigorosen klinischen Studien vorliegen, hat eine Untersuchung von Musiktherapiestudien in Bezug auf MS ergeben, dass diese Behandlungsform unter anderem einen positiven Einfluss auf die Verbesserung der Selbstakzeptanz, der Beklemmung und Depression hat.