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Beschäftigungstherapie als Hilfe zur Bewältigung des Alltags 2015-04-08T13:00:05+00:00

Marijke Duportail und Daphne Kos, Nationales MS-Zentrum, Abteilung für Beschäftigungstherapie, Melsbroek, Belgien

Ein ausgleichender rehabilitativer Ansatz kann die Behandlung mit symptomatischen und krankheitsmodifizierenden Therapien bei Menschen mit MS angemessen ergänzen. Dieser Vorgang umfasst die Veränderung von Techniken und die Entwicklung neuer Strategien, um funktionale Einschränkungen auszugleichen. Die Beschäftigungstherapie ist ein bedeutender Teil dieses Ansatzes und konzentriert sich auf Fähigkeiten, die für die „Beschäftigungen“ des täglichen Lebens wichtig sind, und auf die Verringerung der Einschränkungen in Bezug auf die Teilnahme an Aktivitäten und das eigene Handeln.

Nachweise aus der Literatur

Die Rolle der Beschäftigungstherapie bei der multidisziplinären Rehabilitation ist weithin anerkannt. Der multidisziplinäre Charakter der MS-Behandlung macht es jedoch schwierig, die Wirkung der Beschäftigungstherapie allein zu zeigen, da die Patienten, die eine multidisziplinäre Rehabilitation erhalten, von Therapien in vielen Bereichen gleichzeitig profitieren. Es liegt zwar aktuell noch kein zuverlässiger wissenschaftlicher Nachweis dafür vor, dass die Beschäftigungstherapie Menschen mit MS hilft, ihre Erkrankung unter Kontrolle zu halten, es ist jedoch aufgrund der Erfahrungswerte wahrscheinlich, dass die meisten Fachleute und Patienten mit MS einen Nutzen in der Beschäftigungstherapie erkennen können. Kleine Studien haben gezeigt, dass die Erschöpfung durch energiesparende Techniken vermindert werden kann.

Hauptziele

Das Hauptziel der Beschäftigungstherapie besteht darin, es den Personen zu ermöglichen, an der Selbstpflege, an Arbeiten und Freizeitaktivitäten teilzunehmen, die sie ausführen wollen oder müssen, und dadurch das Selbstbewusstsein, das Wohlbefinden und die Lebensqualität zu verbessern. Der Beschäftigungstherapeut beurteilt, ob die Menschen mit MS in den Bereichen des Lebens, die für sie wichtig sind (Abbildung 1), eingeschränkt sind, und entwickelt Strategien für die Bewältigung dieser Schwierigkeiten. Zu den möglichen Strategien gehören Wiederherstellung, Kompensation, Anpassung und Prävention (Tabelle 1).

Vorgehen

Die Bewertung ist der erste Schritt des Programms der Beschäftigungstherapie. Der Therapeut bewertet die Leistungsfähigkeit bei alltäglichen Aktivitäten, er bewertet die allgemeinen physischen und kognitiven Fähigkeiten, bespricht die persönlichen Ziele mit dem Patienten und kann auch die Wohn- und Arbeitsumgebung bewerten, um möglichen Änderungsbedarf zu ermitteln.
Ein individuell zugeschnittenes Rehabilitationsprogramm mit Beschäftigungstherapie verbessert die Fähigkeit des Patienten, die täglichen Aktivitäten in seiner speziellen Situation auszuführen, was oft eine Kombination verschiedener Techniken erfordert.

Anwendbarkeit in verschiedenen Stadien der Erkrankung

Bei Menschen, die sich in einem frühen Stadium von MS befinden, und Veränderungen feststellen, bezüglich ihrer Fähigkeiten, bestimmte Aufgaben richtig auszuführen, legt der Beschäftigungstherapeut den Schwerpunkt darauf, dem Patienten neue Strategien für den Umgang mit Fatigue zu zeigen, Informationen über Anpassungen des Wohnumfeldes zu geben, wie auch mögliche Modifikationen des Kraftfahrzeuges oder des Arbeitsplatzes sowie mit der Arbeitsleistung zusammenhängenden Aspekten, nahezulegen. Kurse zur Energieeinteilung können auch in den frühen Stadien der Erkrankung sehr nützlich sein.

Wenn der Funktionsverlust zunimmt, hilft der Beschäftigungstherapeut den Patienten dabei, seine Fähigkeiten in verschiedenen Bereichen des Lebens zu erhalten oder zu verbessern. Abhängig von den funktionalen Fähigkeiten und Bedürfnissen der einzelnen Person, kann der Schwerpunkt auf Kompensationstechniken in Verbindung mit der Beratung zur Verwendung eines Hilfsmittels oder auf die Möglichkeit gelegt werden, verschiedene Hilfsmittel und andere Optionen auszuprobieren, um kurz- und langfristige Bedürfnisse zu erfüllen.

Beschäftigungstherapie zu Hause

Ein Besuch des Patienten und seiner Familie in ihrer eigenen Umgebung kann dem Beschäftigungstherapeuten wertvolle Informationen liefern, die dieser vielleicht nicht unbedingt im Krankenhaus, in der Praxis oder in der Rehabilitationseinrichtung erhält. Zu der Bewertung gehört eine Ermittlung des aktuellen Funktionsstatus der Person in Bezug auf die Durchführung der Tätigkeiten des täglichen Lebens.

Die Bewertung der Wohnsituation umfasst auch die Ermittlung des Bedarfs an Hilfsvorrichtungen und Übung. Schließlich kann der Besuch des Beschäftigungstherapeuten zu Hause dazu dienen, festzustellen, ob zusätzliche bezahlte Hilfe nützlich sein kann.

Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen

Die Zusammenarbeit mit Fachleuten fördert die Unabhängigkeit in allen Lebensbereichen. Beschäftigungstherapeuten arbeiten mit den Sozialdiensten zusammen, um Hausbesuche zu organisieren, mit Physiotherapeuten in Bezug auf die funktionsfördernden Übungen, mit Sprach- und Schlucktherapeuten bei Problemen hinsichtlich der Kommunikation, mit Krankenschwestern bei der Durchführung von Bewertungen und der Verbesserung der Tätigkeiten des täglichen Lebens und
mit Neuropsychologen und Logopäden in Bezug auf das Training der kognitiven Fähigkeiten.

Schlussfolgerung

Der Schwerpunkt der Beschäftigungstherapie liegt darin, Strategien für die Bewältigung des alltäglichen Lebens zu lernen, und dies auf der Grundlage der physischen, sozialen und psychologischen Bedürfnisse des Patienten.

Strategien der Beschäftigungstherapie

Wiederherstellung

  • Bewahrung und Wiederherstellung der beeinträchtigten Funktionen

Kompensation

  • Lernen alternativer Methoden und Techniken, um die Unabhängigkeit zu wahren

Anpassung

  • Beratung und Anleitung zu Hilfsvorrichtungen und Anpassungen der Wohnung

Prävention

  • Vorbeugung gegen Einschränkungen der funktionalen Fähigkeiten oder Verschlechterungen der Symptome

(aus Lanckhorst GJ, Rehabilitation of patients with multiple sclerosis. In: A Problem-Oriented Approach to Multiple Sclerosis, Acco, 1997.)