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MS in focus trifft Anders Romberg 2015-04-08T13:27:09+00:00

Helle Lyngborg führte mit Anders Romberg, Physiotherapeut und Forscher aus Finnland, ein Interview über seine Arbeit, seine Forschung und das bedeutende Zentrum, in dem er arbeitet

Anders Romberg ist Physiotherapeut am Masku Neurologic Rehabilitation Centre (MNRC, neurologisches Rehabilitationszentrum von Masku), einer Einrichtung der finnischen Multiple-Sklerose-Gesellschaft in der Nähe der Stadt Turku. Anders Romberg verfügt über eine 20-jährige Erfahrung in der neurologischen Rehabilitation.

Können Sie das MNRC beschreiben?

Das MNRC wurde im Jahr 1988 gegründet und wurde inzwischen von 52 auf 87 Betten und von 32 auf 120 Mitarbeiter erweitert. Heute werden jährlich 1.400 Patienten, davon etwa 1.000 mit MS, im Zentrum behandelt. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 21 Tage.

Zu den Diensten, die vom MNRC angeboten werden, gehören ausschließlich stationäre Rehabilitation mit besonderem Schwerpunkt auf das Anpassungstraining für Patienten, bei denen erst vor Kurzem MS diagnostiziert wurde, und die Rehabilitation für Menschen mit starken Beeinträchtigungen. Das MNRC kann auch als Ressourcenzentrum für Menschen mit seltenen neurologischen Erkrankungen dienen.

Die Arbeit im MNRC basiert auf einem interdisziplinären Teamansatz. Zu den Mitarbeitern (aufgeteilt in rosafarbene, blaue und grüne Teams) gehören drei Neurologen, sechs Psychologen / Neuropsychologen, drei Sozialarbeiter, zwei Logopäden und eine Reihe von Beschäftigungstherapeuten, Physiotherapeuten und Krankenschwestern, die alle mehr oder weniger auf neurologische Rehabilitation spezialisiert sind.

Die große Mehrheit der Dienstleistungen, die am MNRC angeboten werden, wird von der finnischen Sozialversicherung erstattet. Das Zentrum ist seit August 2002 nach dem Standard ISO-9001 (SFS) zertifiziert. In der Praxis bedeutet dies, dass die Qualität der Arbeit ständig bewertet wird, dass das Zentrum über einen Mitarbeiter verfügt, der für die Qualitätskontrolle zuständig ist, und dass regelmäßig externe Audits durchgeführt werden, um das Niveau der Qualität der erbrachten Dienstleistungen zu bewerten. Für den einzelnen Patienten bietet dies eine Garantie dafür, dass optimale Rehabilitationsdienste geleistet werden.

Was ist Ihre Funktion und wofür sind Sie verantwortlich?

Als Physiotherapeut bin ich für die Planung, Durchführung und Bewertung von Physiotherapieprogrammen für die einzelnen Patienten zuständig. Als Teammitglied bin ich auch zusammen mit anderen Fachleuten für Rehabilitation an Besprechungen zur Aufnahme von Patienten, Nachbetreuung und Entlassung beteiligt.

Ich arbeite auch in der Forschung und habe eine Reihe wissenschaftlicher Artikel sowie ein Buch (auf Finnisch) mit dem Titel „MS und Bewegung – Spaß, Lebensqualität und funktionale Fähigkeit“ (2005) veröffentlicht. Zu meinen aktuellen Forschungsbereichen gehören die Auswirkungen von Langzeitbewegungstherapie auf MS und die Auswirkungen von Wärmebelastung auf die Fatigue und die funktionale Fähigkeit. Bei meinen Forschungen arbeite ich in erster Linie mit Dr. Juhani Ruutiainen, Direktor des MNRC, und Päivi Hämäläinen, Leiter der Neuropsychologie, zusammen.

Hat Ihrer Erfahrung nach in den letzten Jahren eine Entwicklung in der MS-Rehabilitation stattgefunden?

Allerdings. Studien von hoher Qualität haben gezeigt, dass die Rehabilitation Menschen mit MS wirklich zugute kommen kann und dass die Wirkung lange anhalten kann. Es ist schwierig einzuschätzen, wie stark die wissenschaftlichen Nachweise tatsächlich die klinische Praxis beeinflussen, aber sicher ist, dass die für die Rehabilitation zuständigen Fachkräfte in ihrer Arbeit kritischer geworden sind. Die Bewertungsinstrumente und die Art, wie die Ergebnisse der Rehabilitation in MS-Zentren gemessen werden, sind einheitlicher.

Wir haben eine Entwicklung in der Behandlung von Blasenproblemen durch verbesserte Katheterisierungstechniken erlebt. Ein verbessertes Verstehen der elektrischen Stimulation und der Übungen für den Beckenboden bedeutet, neben anderen Aspekten der Rehabilitation, für viele Menschen mit MS, dass es möglich ist, die Symptome und damit die Lebensqualität zu verbessern.

Es gab auch Fortschritte in Bezug auf das Verstehen der neurophysiologischen Grundlagen für die neurologische Rehabilitation bei MS. Die Plastizität des Gehirns, die Fähigkeit der Struktur des Gehirns, sich an neue Situationen anzupassen und neue Netzwerke auszubilden, bietet eine spannende Grundlage, auf der man aufbauen kann, und zeigt gleichzeitig, dass die Forschung eine wichtige Rolle für die Rehabilitation spielt.

Welche Aspekte hat die Rehabilitationsforschung mit anderen Arten der Forschung wie zum Beispiel klinischen Studien gemeinsam und inwiefern unterscheidet sie sich davon?

Für der Rehabilitationsforschung bei MS sind unterschiedliche Arten von Studienansätzen und –designs erforderlich, um die komplexen Therapien, Ergebnisse und Wechselwirkungen zwischen den Menschen, die die meisten Aspekte der Rehabilitation charakterisieren, zu erfassen. Deskriptive oder Querschnittsstudien sind nützlich, um häufige Merkmale der MS-Symptomatologie aufzudecken, die für die Ausarbeitung neuer Behandlungen relevant sein könnten oder berücksichtigt werden sollten. Qualitative Studien sind hilfreich, um die individuellen Rehabilitationserfahrungen zu verstehen (da ein großer Teil der Rehabilitation auf individuellem direktem Kontakt oder Bewegungsübungen beruht).

Die Durchführung einer randomisierten klinischen Studie in der Rehabilitation ist problematisch. Die zufällige Einteilung der Teilnehmer in verschiedene Arme der Studie, ohne dass diese wissen, welche Behandlung sie bekommen, und dies einschließlich einer Placebo-Therapie, sind Aspekte, die nur schwer zu bewältigen sind. Es gibt auch ethische Bedenken, wenn Patienten nach dem Zufallsprinzip einer suboptimalen Behandlung (oder gar keiner Behandlung) zugeteilt werden, wenn wir bereits wissen (wahrscheinlich aufgrund klinischer Erfahrung), dass eine bestimmte Behandlung die beste Option darstellt.

Welche Auswirkungen hat die Rehabilitationsforschung auf Menschen mit MS / kann sie haben?

Kurz gesagt, die Rehabilitationsforschung verbessert die Betreuung und Behandlung für Menschen mit MS. Auf der Grundlage unserer Studienergebnisse wissen zum Beispiel die Physiotherapeuten am MNRC genauer, welche Faktoren bei der Planung von Übungsprogrammen für zu Hause für Menschen mit MS berücksichtigt werden sollten. Die Ergebnisse haben auch dazu beigetragen, die Einhaltung von Übungsprotokollen für zu Hause zu verbessern.

Die Forschung kann auch den Wert der Rehabilitation bei MS aufzeigen. Die finanziellen Mittel sind ständig begrenzt und die Forschung ist eines der besten Mittel, um zu zeigen, dass die Rehabilitation bei einer so komplexen und unberechenbaren Erkrankung wie MS gerechtfertigt ist.