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Sprechen und Schlucken 2015-04-08T12:49:41+00:00

Jeri A. Logemann, PhD, Ralph and Jean Sundin Professor, Abteilung für Kommunikationswissenschaften und –störungen, Northwestern-Universität, Evanston, Illinois, USA

Multiple Sklerose kann in verschiedenen Stadien der Erkrankung Veränderungen des Sprechens und/oder des Schluckens hervorrufen, abhängig vom exakten Ort der Schädigung im zentralen Nervensystem. Der allgemeine Ansatz für die Rehabilitation von Sprach- und Schluckstörungen bei Menschen mit MS besteht darin, eine sorgfältige Bewertung jeder Funktion durchzuführen und dann ein geeignetes Behandlungsprotokoll zu entwerfen.

Die Bewertung der Sprache umfasst normalerweise einen Artikulationstest, bei dem ein Logopäde den Patienten auffordert, Wörter und Sätze auszusprechen, in denen alle Laute der Muttersprache des jeweiligen Patienten vorkommen, um so zu bewerten, ob sie richtig gebildet wurden oder nicht. Der Logopäde ermittelt im Bereich der Funktion von Lippe, Zunge, Gaumensegel, Rachen (Pharynx) und Kehlkopf (Larynx) und bewertet die Qualität der Stimme, wobei die Funktion des Kehlkopfes und die Bewegung des Gaumens und den Sprachfluss widergespiegelt wird. Die Sprechgeschwindigkeit und der Sprechrhythmus werden untersucht, da dies durch einige Teile des zentralen Nervensystems gesteuert wird. Die Ergebnisse dieser Auswertung zeigen die Muskeln, die nicht korrekt funktionieren, und die genaue Art der Störung.
Die Bewertung der Schluckstörung beginnt normalerweise damit, dass die Person befragt wird, ob sie beim Essen oder Trinken irgendwelche Störungen bemerkt. Eine klinische Bewertung des Mundrachenbereichs ist wichtig und die Bewegungsfähigkeit von Lippen, Zunge, Gaumen und die Kontrolle des Larynx werden beurteilt. Zudem vermerkt der Logopäde alle besonderen Essgewohnheiten, sowie das Herunternehmen des Kinns oder starke Anstrengung beim Schlucken. Es ist wichtig, dass die Person gefragt wird, ob bestimmte Nahrungsmittel größere Schwierigkeiten bereiten als andere und ob das Schlucken zu verschiedenen Tageszeiten schwerer fällt. Am Ende dieser klinischen Bewertung der Mund- und Rachenfunktion wird möglicherweise eine weitere Untersuchung empfohlen. Wenn der Logopäde der Meinung ist, dass die Gefahr besteht, dass ein Problem im Bereich des Pharynx vorliegt, das bei der klinischen Untersuchung nicht erkennbar ist, da der Bereich des Pharynx (Rachen), der außerhalb des Mundraumes liegt, nicht sichtbar ist, wird er möglicherweise eine Röntgenuntersuchung (modifizierter Bariumbreischluck) oder eine endoskopische Untersuchung vorschlagen.

Der modifizierte Bariumbreischluck, eine Röntgenaufnahme bewegter Organe, ermöglicht es, die Funktion der Muskeln im Mund, des Pharynx und Larynx während des Schluckens zu bewerten und sowohl die Sicherheit als auch die Effizienz des Schluckens der Person zu ermitteln. Sicherheit ist wichtig, um sicherzustellen, dass es zu keiner Aspiration kommt oder Nahrung in die Luftröhre gelangt. Die Effizienz des Essens ist auch wichtig, da die Menschen, die an MS leiden, Flüssigkeit und Kalorien in angemessener Menge zu sich nehmen müssen, um das Gewicht zu halten und die Gesundheit zu bewahren. Der modifizierte Bariumbreischluck ist ein einfaches Verfahren, bei dem Röntgenaufnahmen bewegter Organe gemacht werden, während der Patient zweimal eine abgemessene Menge an Flüssigkeit schluckt: 1, 3, 5, 10 ml einer dünnen Flüssigkeit, Trinken dünner Flüssigkeit aus einem Glas, 3 ml Pudding und zwei kleine Stücke eines Kekses oder Brötchens mit Bariumbrei, den/das die Person kaut und dann schluckt. Normalerweise werden vierzehn Schlucke aufgenommen, um die Sicherheit und Effizienz des Schluckens zu bewerten. Dies ist ein einfacher Test, bei dem die Person den Röntgenstrahlen weniger als fünf Minuten ausgesetzt ist. Durch diese Untersuchung kann der klinische Arzt die Schluckstörungen erkennen, die Schwierigkeiten verursachen.
Wenn die Ursache einer Störung festgestellt wurde, kann der klinische Arzt während der Röntgenuntersuchungen Behandlungsstrategien einführen, um die Wirksamkeit der Behandlungen zu dokumentieren.

Behandlungsmöglichkeiten für Schluckbeschwerden

Zu den Behandlungsmöglichkeiten für Schluckbeschwerden (Dysphagie) gehören:

  1. Veränderungen der Kopf- oder Körperhaltung zur Umlenkung des Nahrungsbreis
  2. Steigerung des Schluckgefühls vor dem Schlucken, um ein schnelleres Schlucken hervorzurufen
  3. Anwendung willkürlicher Kontrollen während des Schluckens, um die ausgewählten Muskelfunktionen zu verbessern, oder
  4. Veränderung der Nahrungsbeschaffenheit, um das Risiko zu verringern, dass Nahrung in die Luftröhre gelangt, oder um die Effizienz des Schluckens zu verbessern. Die Veränderung der Konsistenz der Nahrung stellt normalerweise die letzte Wahl dar, da die Menschen es oft als unangenehm empfinden, bestimmte Nahrungsmittel von ihrem Speiseplan zu streichen oder Flüssigkeiten einzudicken. Am Ende der Röntgenuntersuchung verfasst der Logopäde einen Bericht, der die aktuellen Schluckstörungen und die wirksamsten Behandlungen darstellt und ein Behandlungs- /Kontrollprogramm skizziert.

Häufige durch MS ausgelöste Schluckstörungen

Die häufigste Schluckstörung, die bei Menschen mit MS auftritt, ist eine Verzögerung der pharyngealen Phase des Schluckens. Diese Störung führt dazu, dass Nahrung oder Flüssigkeit in den Pharynx tropft, bevor die Motorik des Pharynx, einschließlich des Schutzes der Luftröhre eingesetzt hat. Die Person kann aspirieren und vielleicht nicht husten. Sogar Patienten mit MS, die jede Dysphagie bestreiten, können eine Verzögerung des Schluckens entwickeln. Zu den anderen Schluckbeschwerden zählt eine verringerte Kehlkopfhebung, welche die Öffnung der Klappe zur Speiseröhre verkleinert und zu einer Verringerung der Bewegung des untersten Teils der Zunge – des Zungengrundes – führt, wodurch Nahrung im Pharynx zurückbleibt.

Der Schwerpunkt der Behandlungsmöglichkeiten für diese Störungen liegt auf Therapien zur Verbesserung der Auslösung des pharyngealen Schluckens durch die Verstärkung des Schluckgefühls vor dem Schlucken, Übungsprogrammen zur Verbesserung der Kehlkopfhebung und Übungen zur Verbesserung der Bewegung des Zungengrundes. Leider wurden bisher noch keine Studien zur Wirksamkeit aller Therapien für Schluckstörungen bei Menschen mit MS bei einer großen Anzahl von Patienten durchgeführt. Die Wirksamkeit der Behandlung für eine einzelne Person kann durch die Röntgenuntersuchung über die Einführung ausgewählter Behandlungen und die Untersuchung der direkten Auswirkungen geprüft werden.

Anwendbarkeit/Bedeutung verschiedener Behandlungen

Wenige Studien haben bisher die Wirksamkeit
von Behandlungen für Sprach- und Schluckstörungen bei Menschen mit MS untersucht. Da es keine Anzeichen dafür gibt, dass Übungen schädlich sein können, ist es nicht unüblich, dass aggressive Therapieprogramme, die Übungen einschließen, empfohlen werden.

Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen

Logopäden arbeiten oft mit einer Reihe anderer Disziplinen zur Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen zusammen. Oft erleichtern Veränderungen der Kopf- oder Körperhaltung das Schlucken oder verbessern die Atmung für das Sprechen. Zur Verbesserung der Kopf- oder Körperhaltung kann die Unterstützung des Logopäden durch einen Physiotherapeuten oder Beschäftigungstherapeuten erforderlich sein. Die alte Vorstellung, dass man zum Schlucken eine Körperhaltung einnehmen muss, die Füße auf den Boden stellen und den Rumpf aufrecht halten muss, hat sich als unwahr herausgestellt. Es gibt sogar Menschen, die am besten im Liegen schlucken. Logopäden arbeiten auch mit Krankenschwestern, Pflegern und Diätetikern zusammen, um eine optimale Ernährung und eine ideale Kalorienaufnahme zu entwickeln. Die Zusammenarbeit mit dem Patienten, der Familie, Pflegern, Ärzten und anderen Personen im Pflegeteam ist entscheidend, damit das Pflegeteam die Art der Sprach- und Schluckstörungen des Patienten besser verstehen kann und die besten Wege gefunden werden, um die Nahrungsaufnahme durch den Mund und die verbale Kommunikation zu verbessern. Wenn alternative Kommunikationssysteme erforderlich werden, weil die Sprechweise zu schwer verständlich wird, kann ein Logopäde das geeignete Hilfsmittel empfehlen und den Patienten in seiner Benutzung trainieren.

Sprach- und Schlucktherapie können entscheidend sein, um die maximale Funktion für die Person mit MS zu erreichen, insbesondere bei Fortschreiten der Erkrankung. Regelmäßige Bewertungen sind erforderlich, wenn die Erkrankung sich verschlimmert oder nachlässt.