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Neurogene Schmerzen bei MS 2015-04-09T10:29:35+00:00

Claudio Solaro, MD, Department of Neurology, ASL 3 Hospitals, Genoa, Italy

Einleitung

Schmerz wird definiert als „unangenehme sensorische Empfindung, die mit einem tatsächlichen oder potentiellen Gewebeschaden in Zusammenhang steht oder bezüglich eines solchen Schadens beschrieben wird“. Auch wenn die Bewältigung von Symptomen bei MS ein Hauptpunkt für medizinisches Fachpersonal darstellt, mangelt es in der Literatur an verfügbaren Daten zur Schmerzbewältigung. Neurogene Schmerzen, die bei MS häufig vorkommen, sind zum Beispiel dysästhetische Schmerzen, Trigeminusneuralgie, schmerzhafte tonische Spasmen und das Lhermitte-Zeichen. Ethische Fragen in Bezug auf Studien über Schmerzen erschweren die genaue Bestimmung der besten Behandlungsstrategien durch Vergleiche zwischen Medikamenten und einem Placebo. Daher erfolgt die Behandlung für viele dieser Symptome auf Grundlage anekdotischer Informationen und kleiner, offener Studien.

Dysästhetische Schmerzen

Eine Reihe von Studien haben gezeigt, dass dysästhetische Schmerzen zu den häufigsten Schmerzsyndromen im Zusammenhang mit MS zählen. Dysästhetische Schmerzen werden als gleichbleibendes, symmetrisches oder asymmetrisches, brennendes Gefühl beschrieben, das normalerweise die unteren Extremitäten einer Person betrifft und häufiger distal auftritt (das heißt weiter weg vom Körper, wie an den Füßen oder Unterschenkeln) als proximal (das heißt näher am Körper, wie an den Oberschenkeln). Sensibilitätsverluste im Zusammenhang mit dysästhetischen Schmerzen können während einer neurologischen Untersuchung festgestellt werden.

Die am häufigsten verwendeten Medikamente für die Behandlung dysästhetischer Schmerzen bei MS sind tricyclische Antidepressiva, darunter Amitriptylin, Nortriptylin und Clomipramin. Krampflösende Medikamente wie Carbamazepin, Lamotrigin und Gabapentin werden ebenfalls zur Behandlung dysästhetischer Schmerzen im Zusammenhang mit MS verwendet. Carbamazepin scheint im Vergleich zu Gabapentin und Lamotrigin häufiger Nebenwirkungen zu verursachen. Manche Leute haben aufgrund seiner Nebenwirkungen Probleme mit der Verträglichkeit dieses Medikaments und können nicht einmal die Dosis erreichen, die für eine effektive Wirkung des Medikaments notwendig ist. Es kommt oft vor, dass eine Person verschiedene Medikamente ausprobiert, bevor sie eines findet, das wirksam und verträglich ist.

Ein offenes Gespräch mit dem Neurologen ist während dieses Prozesses sehr wichtig.

Im allgemeinen können krampflösende Mittel sowie tricyclische Antidepressiva für manche MS-Patienten hilfreich sein, auch wenn leider nicht genügend Daten aus Studien mit hohen Teilnehmerzahlen zur Verfügung stehen, die notwendig sind, um Schlussfolgerungen auf die beste Medikamentenwahl zuzulassen.

Trigeminusneuralgie

Die Trigeminusneuralgie (TN) ist das wahrscheinlich bekannteste neurogene Schmerzsyndrom bei MS. Sie betrifft den Nervus trigeminus, einen der größten Nerven im Kopf (siehe oben). Der Nervus trigeminus sendet vom Gesicht, dem Kiefer, dem Zahnfleisch, der Stirn und dem Bereich um die Augen herum Impulse über Berührungen, Schmerzen, Druck und Temperatur an das Gehirn. TN bei MS-Patienten wurde bereits eingehend untersucht, wobei die Häufigkeit von 1,9 Prozent bis 4,4 Prozent reicht. TN zeichnet sich durch paroxysmale (plötzliche), episodische Gesichtsschmerzen aus, die im Bereich des fünften Nervus cranialis oder Nervus trigeminus auftreten und oft durch Berührung, Kauen, Rasieren oder bereits durch einen leichten Luftzug ausgelöst werden.

TN bei MS und essentielle TN (TN ohne Bezug zu MS) unterschieden sich dadurch, dass TN bei MS öfter bilateral ist (an beiden Seiten des Gesichts auftritt) und meist bereits bei jüngeren Leuten vorkommt. Essentielle TN wird am häufigsten durch ein Blutgefäß verursacht, das auf den Nerv in der Nähe des Hirnstamms drückt. Im Laufe der Zeit können Veränderungen in den Blutgefäßen des Hirns dazu führen, dass ein Blutgefäß gegen die Wurzel des Nervus trigeminus reibt. Die ständige Reibung bei jedem Herzschlag nutzt die isolierende Membran des Nervs ab, was zu einer Nervenreizung führt. TN bei MS wird oft durch Plaque am Eingangsbereich des Nervus trigeminus in den Nervenfasern an der unteren Vorderseite des Gehirns verursacht. Studien mit Magnetresonanztomographie (MRT) haben jedoch zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt und weisen auf verschiedene Ursachen für eine Trigeminusneuralgie hin, sogar bei einem einzigen MS- Patienten. Eine Behandlung der TN besteht vor allem aus krampflösenden Mitteln. Auch bestimmte Antidepressiva können bei der Bekämpfung dieser Art von Schmerz hilfreich sein.

Nicht-pharmakologische Interventionen

bei Trigeminusneuralgie
Wenn Medikamente keine Wirkung zeigen oder wenn sie zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, gibt es noch neurochirurgische Verfahren, um den Druck auf den Nerv zu erleichtern, die Nervensensibilität zu verringern oder die Nervenbahn zu unterbrechen. Diese Verfahren werden als Behandlung für TN im Zusammenhang mit MS angegeben, jedoch nur bei einer geringen Anzahl an Patienten und einer begrenzten Nachverfolgung. Diese Methoden können Nervenschäden hervorrufen, die zu einer erhöhten Sensibilität oder Taubheit im betroffenen Bereich, einem verringerten Hornhautreflex, vorübergehenden Problemen beim Kauen und zu Hörverlust führen können.

Schmerzhafte tonische Krämpfe

Schmerzhafte tonische Krämpfe werden als krampfartige, ziehende Schmerzen beschrieben und können sowohl die oberen als auch die unteren Extremitäten betreffen, kommen jedoch bei den unteren Extremitäten häufiger vor. Die Krämpfe werden durch Bewegungen oder sensorische Stimuli hervorgerufen und treten oft nachts auf. Man schätzt, dass bei ungefähr 11 Prozent aller Menschen mit MS schmerzhafte tonische Krämpfe auftreten.

Schmerzhafte tonische Krämpfe werden indirekt durch eine Verletzung hervorgerufen, welche die schmerzhaften Krämpfe im zentralen Nervensystem auslöst. Antispastika wie Baclofen und Benzodiazepine, Gabapentin und Tiagabin werden oft für die Behandlung schmerzhafter tonischer Krämpfe verwendet.

Lhermitte-Zeichen

Das Lhermitte-Zeichen, ein kurzzeitiger paroxysmaler (plötzlicher) Schmerz, der an der Wirbelsäule entlang in die unteren Extremitäten ausstrahlt und durch das nach vorn Beugen oder Dehnen des Halses ausgelöst wird, wird stark mit MS in Verbindung gebracht. Es tritt bei ungefähr 40 Prozent aller MS-Patienten im Laufe ihrer Erkrankung auf. Wenn das Phänomen anhält, werden geringe Dosen von Carbamazepin empfohlen, um die Häufigkeit und Stärke zu verringern. Oft benötigen MS-Patienten, bei denen dieses Symptom auftritt, jedoch keine Medikamente.

Schlussfolgerung

Neurogene Schmerzen bei MS sind bei verschiedenen Behandlungsstrategien unterschiedlich ausgeprägt. Oft können diese schmerzhaften Symptome sich negativ auf die Lebensqualität einer Person auswirken und erfordern daher die Konsultation eines Neurologen und des Gesundheitspflegeteams, um sie zu identifizieren und so effektiv wie möglich zu behandeln. Eine Linderung neurogener Schmerzen bei MS kann das Ausprobieren verschiedener Medikamente und Dosierungen nötig machen, bevor die wirksamste Lösung ermittelt wird. Da viele Schmerztypen, die bei MS häufig vorkommen, mit Standardmedikamenten nur schwer zu behandeln sind, sollten die medizinischen Fachkräfte einer Erwägung von Nicht-Standardstrategien zur Schmerzbekämpfung gegenüber aufgeschlossen sein.

Sehnervenentzündung

Eine schmerzhafte Sehnervenentzündung ist nicht neurogener Art und stellt eine wahrscheinlich einzigartige Art von Schmerz dar. Charakteristisch dafür ist eine Entzündung des Sehnervs, die zu Schmerzen hinter den Augen führt, welche sich durch Augenbewegungen verschlimmern. Zusätzlich zu den Schmerzen können bei einer Sehnervenentzündung verschwommene Sicht, eine Verringerung der Sehschärfe, eine Beeinträchtigung des Farbsehens und ein vollständiger oder Teilverlust des Sehvermögens vorkommen. Corticosteroide (oral Prednison und intravenös Methylprednisolon) können die Genesungsrate bei einer Sehnervenentzündung erheblich steigern.