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Schmerzen bei MS und Lebensqualität 2015-04-09T10:33:20+00:00

Carolyn Young, The Walton Centre for Neurology and Neurosurgery, Liverpool, UK

Schmerzen bei MS kommen häufig vor und betreffen die meisten Leute im Verlauf ihrer Erkrankung, manchmal schwer und oft dauerhaft. Es existieren interessante Forschungsergebnisse, bei denen Schmerzen bei allen MS-Patienten in einem festgelegten geographischen Gebiet miteinander verglichen wurden, sowie nach Alter und Geschlecht abgestimmte Kontrollen oder landesweite Daten. Der Häufigkeitsgrad von Schmerzen ist bei MS- Patienten und Bevölkerungsgruppen, die nicht an MS leiden, ähnlich, bei MS können die Schmerzen jedoch stärker sein und das tägliche Leben stärker beeinflussen. Eine große Auswahl an MS-Patienten aus dem Patientenregister des North American Research Committee On Multiple Sclerosis (NARCOMS) zeigte, dass starke Schmerzen häufiger bei Frauen, bei Personen mit einer MS-bedingten Behinderung sowie bei Personen ohne höhere Bildung vorkamen. Es wurde empfunden, dass starke Schmerzen viele Aspekte des täglichen Lebens beeinträchtigen, besonders Erholung, Arbeit und Mobilität.

Egal ob man eine einzelne Person oder eine Population analysiert, kann es schwierig sein, die relative Bedeutung verschiedener Arten von Schmerz zu verstehen, Schmerzen zu quantifizieren und ihre Wirkung auf eine Person zu verstehen. Eine Möglichkeit, die Wirkung von Schmerzen zu verstehen, ist die Untersuchung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität bei Schmerzpatienten.

Gesundheitsbezogene Lebensqualität

Die Lebensqualität ist ein komplexes Konzept, dessen Definition of schwer fällt. Für gesundheitsbezogene Studien werden allgemeine Konzepte wie die Zufriedenheit mit dem Leben oder Lebensstandard nicht primär berücksichtigt. Statt dessen untersuchen die Forscher Aspekte der persönlichen Erfahrung, die mit der Gesundheit und Gesundheitspflege im Zusammenhang stehen. Bereiche, welche die Leute als wichtig ansehen, sind zum Beispiel Schmerzen, Mobilität, Aktivitäten des täglichen Lebens, Beziehungen, Arbeit, Abhängigkeit, Körperwahrnehmung und die Zukunft. Die meisten veröffentlichten Skalen für die Lebensqualität messen einige dieser Bereiche, jedoch keine davon alle. Schmerzen gehören jedoch häufig dazu.

Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität

Messungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität können allgemein oder krankheitsspezifisch sein. Allgemeine Messungen umfassen Bereiche wie Schmerzen oder Mobilität, deren Einfluss auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität allgemein anerkannt wird. Allgemeine Messungen sind oft einem breiten Publikum bekannt und die Ergebnisse können dazu verwendet werden, die gesundheitsbezogene Lebensqualität bei verschiedenen Erkrankungen zu vergleichen. Beispiele für oft verwendete, allgemeine Messungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität sind der SF36, EuroQol sowie das Nottingham Health Profile. Die Untersuchung von Aspekten der Lebensqualität, die mit einer bestimmten Erkrankung im Zusammenhang stehen, erfordern jedoch eine krankheitsspezifische Skala zur Messung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Für MS zählen dazu zum Beispiel die Functional Assessment of MS (FAMS), oder zwei Skalen auf Grundlage des allgemeinen SF36; die MS Quality of Life Gesundheitserhebung (MSQoL 54) mit 18 zusätzlichen Fragen, die bei MS relevant sind, oder der MS Quality of Life Index (MSQoLI) mit neun zusätzlichen Fragen.

Der Einfluss von Schmerzen auf die Lebensqualität

Die Beziehung zwischen Schmerzen und der gesundheitsbezogenen Lebensqualität ist komplex und noch nicht völlig geklärt. Die in populationsbasierten Studien untersuchte gesundheitsbezogene Lebensqualität, bei denen alle MS-Patienten in einem festgelegten Gebiet mit den landesweiten Statistiken verglichen werden, berichten, dass die physische Funktion, Vitalität und die allgemeinen Gesundheitsbereiche bei MS-Patienten schlechter als bei der Allgemeinbevölkerung sind. Weitere Forschungen haben ergeben, dass bei MS die geistige Gesundheit mit den Schmerzen korreliert, und dass Ängste und Depression bei Frauen in einem signifikanten Zusammenhang mit chronischen Schmerzen stehen. Unveröffentlichte britische Daten weisen darauf hin, dass Menschen mit MS, die unter Schmerzen leiden, weniger Energie haben als diejenigen ohne Schmerzen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die verfügbaren Daten darauf hinweisen, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität bei MS in Bezug auf die physische Funktion und Energie geringer ist, und im Falle chronischer Schmerzen auch die geistige Gesundheit negativ beeinflusst wird.

Dennoch zeigen diese Studien auch, dass die gesundheitsbezogene Lebensqualität bei MS relativ gut bewahrt werden kann, wobei die Mehrheit der Leute mit ihrer Lebensqualität zufrieden ist. Forscher, die sich mit der Lebensqualität beschäftigen, haben schon lange festgestellt, dass die gemessene Lebensqualität von Gruppen höher sein kann als die gesunden Ermittler ahnen. Zum Beispiel berichteten 50 Prozent einer Stichprobengruppe mit mittlerer bis schwerer Invalidität und Problemen bei den Aktivitäten des täglichen Lebens, sozialer Isolation und einem beschränkten Einkommen zumindest über eine gute Lebensqualität, und Personen mit Peritonealdialyse oder Hämodialyse zeigten eine höhere Lebensqualität als die Allgemeinbevölkerung. Dieses Invaliditätsparadoxon ist teilweise durch eine Reaktionsverlagerung zu erklären – das heißt, der Bezugsrahmen, nach dem eine Person ihre Lebensqualität einschätzt, kann sich mit der Zeit verändern.

Es ist wichtig, die Komplexität einer Analyse von Schmerzursachen, ihrer Beziehung zu MS, einer Messung von Schmerzen und der Zuordnung von Schmerzen zur Lebensqualität anzuerkennen. Abgesehen vom Verständnis für die Schwierigkeiten einer Messung der Lebensqualität im Laufe der Zeit weist die Forschung darauf hin, dass bei einer Verwendung der Lebensqualität als Erfolgsmessung für eine Intervention auch Ängste und Depression bewertet werden müssen, da diese die Beziehung zwischen Invalidität und Lebensqualität beeinflussen.

Wir müssen berücksichtigen, wie sich Schmerzen auf eine Invalidität und auf die Lebensqualität auswirken. Ähnlich wie Müdigkeit und Stimmung können Schmerzen mit den meisten Invaliditätsskalen nicht gut gemessen werden. Daher werden bei einer Bewertung der Invalidität mit Hilfe dieser Skalen Probleme wie Schmerzen oder Müdigkeit unterschätzt, die für MS-Patienten jedoch von Wichtigkeit sind. Schmerzen können sich auch direkt auf die Beteiligung einer Person am Leben auswirken, zum Beispiel, da physisches Unbehagen zu einem sozialen Rückzug führt, oder weil Schmerzen die geistige Gesundheit verschlechtern (oder eine schlechte geistige Gesundheit die Schmerzen verschlimmert und eine Beteiligung verringert). Es ist klar, dass sorgfältige Untersuchungen nötig sind, um diese Beziehungen zu entwirren.