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Verbreitung, Einordnung und Messung von Schmerzen 2015-04-09T10:22:21+00:00

Brenda Stoelb, PhD, und Dawn M. Ehde, PhD, Rehabilitations-Forschungs- und Schulungszentrum für Multiple Sklerose, Abteilung für Rehabilitationsmedizin, University of Washington School of Medicine, Seattle, Washington, USA

In der Vergangenheit sahen viele Wissenschaftler und Mitarbeiter im Gesundheitswesen MS als „schmerzlose“ Krankheit an. Viele Menschen, die an MS leiden, sind jedoch anderer Meinung. In den letzten 10 Jahren durchgeführte Studien haben gezeigt, dass Schmerzen bei MS leider an der Tagesordnung sind. Neue Erkenntnisse über das Problem von Schmerzen bei MS haben die Aufmerksamkeit dafür erhöht und Forschungen zum Thema Schmerzen bei MS angeregt.

Verbreitung der Schmerzen

Auch wenn die gemeldeten Schmerzraten von 28 Prozent bis zu 90 Prozent reichen, weisen die meisten der durchgeführten Studien darauf hin, dass ungefähr 43-80 Prozent der MS-Patienten über Schmerzen im Zusammenhang mit MS berichten. Diese Schwankungen sind zwar verwirrend, können jedoch durch die Tatsache erklärt werden, dass bei Forschungsstudien unterschiedliche Quellen für die Anwerbung von Teilnehmern (zum Beispiel Krankenhaus im Vergleich mit ambulanter Klinik) und unterschiedliche Methoden zur Patientenauswahl („Repräsentativerhebung“ genannt) verwendet werden. Laut mehreren europäischen Studien und mindestens einer US- amerikanischen Studie können Schmerzprobleme bei Menschen mit MS häufiger auftreten und schwerwiegender sein als bei der Allgemeinbevölkerung.

Einstufung der Schmerzen im Zusammenhang mit MS

Die Weltgesundheitsorganisation stuft Schmerzsyndrome als nozizeptiv und neurogen (oder neuropathisch) ein. Nozizeptive Schmerzen treten als entsprechende physiologische Reaktion auf, die an eine Bewusstseinsebene übermittelt wird, wenn Schmerzrezeptoren in Knochen, in den Muskeln oder im Körpergewebe aktiviert werden, und warnen eine Person, dass ein Gewebeschaden aufgetreten ist und lösen im Gegenzug koordinierte Reflexe und Verhaltensreaktionen aus, wie zum Beispiel das schnelle Wegziehen einer Hand von einer Hitzequelle. Neurogene Schmerzen bei MS werden normalerweise durch eine Primärverletzung oder Dysfunktion im peripheren oder zentralen Nervensystem ausgelöst, wobei diese Schmerzen keinen biologischen Nutzen (z. B. eine Warnung) haben, sondern Leiden und Qual verursachen. Klinische Kennzeichen sind brennende, stechende Schmerzen, Allodynie (eine schmerzhafte Reaktion auf schmerzlose Stimuli), und/oder Hyperalgesie (eine Überempfindlichkeit gegenüber schmerzhaften Stimuli). Bei MS können bestimmte Schmerzarten über einen langen Zeitraum hinweg auftreten, oder sie können intensiv, aber von kurzer Dauer sein. Viele MS-Patienten erleben beides.

Messung von Schmerzen im Zusammenhang mit MS

Forscher und medizinische Fachleute messen eine Reihe von Eigenschaften der Schmerzen im Zusammenhang mit MS. Die Schmerzintensität bezieht sich darauf, wie weh einer Person etwas tut. Dies wird normalerweise dadurch beurteilt, dass man eine Person bittet, auf einer Skala von 0 bis 10 zu bewerten, wie intensiv oder stark ihre Schmerzen während eines festgelegten Zeitraums waren, wobei 0 = „schmerzfrei“ und 10 = „schlimmste Schmerzen“ bedeutet. Diese Art von Skala wird oft als Numerische Rating-Skala bezeichnet (siehe Seite 8). Die Visuelle Analogskala und die Verbale Rating-Skala können ebenfalls zur Messung der Schmerzintensität herangezogen werden. Die Visuelle Analogskala verfügt normalerweise über Bilder, die Schmerzgrade darstellen, oder eine gerade, horizontale Linie, bei der ein Ende „kein Schmerz“ und das andere Ende „schlimmste Schmerzen“ darstellt (siehe Seite 8). Die Personen werden dann gebeten, zu markieren, wo auf dieser Linie sie ihre Schmerzen einordnen. Bei der Verbalen Rating- Skala wird MS-Patienten eine Liste von Wörtern vorgelegt, die verschiedene Stufen der Schmerzintensität beschreiben. Anschließend werden sie gebeten, das Wort einzukreisen, das die Intensität ihrer Schmerzen am besten beschreibt.

Es ist wichtig, nicht nur herauszufinden, wo eine Person Schmerzen hat (den Ort des Schmerzes), sondern auch, wie sich der Schmerz physisch anfühlt (dies wird als Schmerzqualität bezeichnet). Meist wird dies beurteilt, indem man eine Person einfach bittet, zu beschreiben, wo es ihnen weh tut und wie sich das anfühlt. Eine Person mit MS könnte zum Beispiel Schmerzen in ihren Beinen beschreiben, die dumpf und ziehend sind, während eine andere Person Schmerzen im Gesicht fühlt, die scharf und stechend sind.

Der Schmerzaffekt bezieht sich darauf, wie unangenehm oder störend die Schmerzen sind. Der Schmerzaffekt berührt die emotionale Komponente des Schmerzes, oder mit anderen Worten, wie viel Qual oder Störung der Schmerz verursacht. Eine Sportlerin, die zum Beispiel gerade dabei ist, einen Marathon zu laufen, schätzt ihre Schmerzintensität auf einer Skala von 1-10 vielleicht mit 7 ein, ist jedoch mental so darauf konzentriert, ans Ziel zu kommen, dass sie ihren Schmerzaffekt mit 2 bewertet. Auf der anderen Seite bewertet ein Fluglotse mit leichten Kopfschmerzen seine Schmerzintensität vielleicht mit 3, findet sie aufgrund der Anforderungen seines Jobs jedoch so störend, dass er seinen Schmerzaffekt als 8 einstuft. Der Schmerzaffekt kann auch mit Hilfe von numerischem Rating, visuellem Rating sowie einer visuellen Analogskala eingestuft werden.

Die Schmerzinterferenz beschreibt, wie sehr der Schmerz die Beteiligung an den täglichen Aktivitäten stört oder diesen im Wege steht. Die Schmerzinterferenz wird normalerweise bewertet, indem den Patienten eine Liste mit normalen Aktivitäten vorgelegt wird (wie Arbeit, Schlaf, Freizeit) und sie dann gebeten werden, auf einer Skala von 0 bis 10 einzuschätzen, wie sehr ihre Schmerzen bei diesen Aktivitäten stören, wobei 0 = „keine Störung“ und 10 = „Tätigkeiten können nicht durchgeführt werden“ bedeutet.

Schlussfolgerung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Verständnis und die Messung von Schmerzen im Zusammenhang mit MS in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen ist und sich verbessert hat. Weitere Forschungen werden dabei helfen, Hilfsmittel zu entwickeln, die Ärzte und Therapeuten benötigen, um MS-Patienten bei der Bewältigung ihrer Schmerzen im Zusammenhang mit MS auf neue, effektive Weise zu unterstützen.

 

Nachfolgend einige Fragen, die medizinischem Fachpersonal helfen können, das Schmerzerleben besser zu verstehen:

  • Wo befindet sich der Schmerz? In welchem Teil des Körpers?
  • Wie lange dauert der Schmerz an?
  • Wie häufig tritt der Schmerz auf?
  • Wie würden Sie Ihre Schmerzen beschreiben? (Da die Beschreibung von Schmerzen für manche Leute schwierig ist, ist es hilfreich, Beispiele für beschreibende Wörter zu geben, wie z. B. brennend, stechend, pulsierend usw.)
  • Wie intensiv ist der Schmerz? (Bei der Bewertung der Intensität ist es hilfreich, eine visuelle oder eine andere Art von Analogskala zu verwenden – Beispiele siehe links.)
  • Hindert der Schmerz Sie daran, normale Tätigkeiten durchzuführen wie z. B. Arbeit, persönliche Kontakte pflegen, Freizeitaktivitäten oder Hausarbeit?
  • Haben Sie bemerkt, dass irgend etwas was Sie tun die Schmerzen verschlimmert oder bessert?
  • Wie sehr würden Sie sagen, dass die Schmerzen Ihr tägliches Leben beeinflussen? (Bei der Bewertung der Wirkung von Schmerzen ist es hilfreich, eine visuelle oder eine andere Art von Analogskala zu verwenden – Beispiele siehe links.)
  • Wie würden Sie die Wirkung Ihrer aktuellen Behandlung auf eine Linderung der Schmerzen bewerten? (Bei der Bewertung der Behandlungswirksamkeit ist es hilfreich, eine visuelle oder eine andere Art von Analogskala zu verwenden – Beispiele siehe links.)