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Bewertung und Messbarkeit von Tremor und Ataxie bei MS-Erkrankten 2015-04-09T15:22:59+00:00

Sundus Alusi, The Walton Centre for Neurology und Neurosurgery, Liverpool, Großbritannien

Einführung

Tremor ist die unfreiwillige Zitterbewegung eines Körperteils. Bei MS kann Tremor in einer milden Form auftreten. Wenn er stärker ist, dann führt er zu erheblicher Behinderung. Ataxie ist ein griechisches Wort und bedeutet Fehlen von Ordnung. In der Medizin wird dieser Begriff verwendet, um die fehlende Koordination bewusster Bewegungen zu beschreiben. Bei MS kann die Ataxie die Bewegung der Augen, die Sprache, die Bewegung von Extremitäten, das Stehen und Gehen beeinträchtigen.

Warum muss Tremor bewertet werden?

Den Einfluss des Tremors auf das Leben einer Person zu bewerten ist absolut entscheidend für den Umgang mit diesem Symptom. Bestimmte Arten von Tremor sprechen besser auf medizinische oder chirurgische Eingriffe an. Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, den Tremor-Typ und dessen Schweregrad zu kennen um unangepasste Behandlungen und unnötige Nebenwirkungen zu vermeiden.

Bewertung von Tremor-Charakteristika

Die Bewertung von Tremor in den Armen

Wenn der Tremor bewertet wird, stellt der Untersuchende folgende Fragen:

  • Ist der Tremor präsent, wenn sich die Armmuskulatur in einer entspannten Position befindet (Ruhetremor)?
  • Wird der Tremor aktiviert, während man eine Haltung mit Schwerkraftbelastung einnimmt (Haltetremor)?
  • Verstärkt sich der Tremor, wenn man das betroffene Körperglied auf ein Ziel hinbewegt (intentionaler oder aufgabenspezifischer Tremor)? ● Ist einer oder sind beide Arme betroffen?
  • Handelt es sich um einen distalen (der hauptsächlich Hände oder Handgelenke befällt) oder proximalen (der hauptsächlich die Schulter befällt) Tremor?
  • Wie weit ist die damit verbundene Ataxie ausgeprägt?

Bei den meisten Personen mit MS-bezogenem Tremor ist die unfreiwillige Bewegung präsent, wenn sie versuchen, die Haltung zu bewahren und/oder bei dem Versuch, eine Bewegung auszuführen. Der Ruhetremor tritt bei MS im Gegensatz zur Parkinsonschen Krankheit so gut wie nie auf.

Untersuchung des Armtremors bei MS

Haltetremor wird am besten bewertet, wenn die Person die Arme zunächst gerade vor sich ausstreckt und dann den Ellbogen beugt. Die intentionale Komponente des Tremors wird bewertet, indem man die Person bittet, die Hand zwischen zwei festen Punkten hin- und her zu bewegen (z. B. der Finger-an-die-Nase-Test). Wenn das Zittern stärker wird, je näher der Finger dem Ziel kommt, dann wird der Tremor als intentional bezeichnet.

Bewertung des den Kopf, Rumpf und Beine befallenden Tremors.

Kopftremor bei MS ist meist vom Typ „ja-ja“ (Nicken). Er wird normalerweise nicht mit der anormalen Kopf- und Halsposition (Dystonie) in Verbindung gebracht, obwohl eine leichte Neigung des Kopfes oft sichtbar ist. Der Tremor endet, wenn der Kopf ruht, z. B. wenn er auf einem Kissen liegt.

Rumpftremor kann eine Begleiterscheinung des Kopftremors sein und wird bewertet, während der Patient steht oder ein paar Schritte geht. Beintremor wird am besten gemessen, wenn die Person liegt und das Bein hebt. Diese Methode eignet sich besser als den Beintremor beim Gehen zu bewerten, weil es sich um einen Haltetremor handelt.

Stimmtremor ist eher ein Charakteristikum des essentiellen Tremors statt der MS, aber er kommt zuweilen auch bei MS vor (er unterscheidet sich jedoch vom dystonen Tremor, der weiter unten beschrieben wird). Man bewertet den Stimmtremor normalerweise, indem man die Person bittet, eine Note zu halten. Gesichtstremor kommt bei MS so gut wie nie vor. Unterkiefer-, Kinn- und Zungentremor treten gar nicht auf.

Die Bewertung des Tremors bei MS

Der Stärkegrad des Tremors kann mit den oben aufgeführten Untersuchungen bestimmt werden. Man verwendet dabei einfache Skalen von 0 bis 10, bei denen die Null für keinerlei Tremor steht und 10 den höchsten Stärkegrad darstellt.

Der Tremor kann außerdem bewertet werden, indem man seine Auswirkungen auf die Handfunktionen einer Person untersucht. Dazu zählten die Handschrift, das Zeichnen einer Spirale (siehe unten), oder das Halten eines Wasserglases. Diese Funktionen können ebenfalls auf einer Skala bewertet werden.

Das Zeichnen einer Spirale ist eine nützliche Methode, um den Stärkegrad eines Armtremors zu diagnostizieren, insbesondere, wenn es sich um einen schwachen oder mittelschweren Tremor handelt. Bei schwerem Tremor ist diese Methode weniger sinnvoll.

Die Auswirkungen des Tremors auf das Alltagsleben des Patienten kann über die ATL (Aktivitäten des täglichen Lebens)-Bewertung festgelegt werden.

Ataxie

Augenbewegungen

Um zu bewerten, ob die Ataxie die Bewegung der Augen beeinflusst, bittet man die Person darum, erst gerade nach vorne und dann in verschiedene Richtungen zu blicken. Die Präsenz von Nystagmus (unkontrollierbare, rhythmische Bewegungen der Augäpfel) deutet auf Ataxie hin.

Sprache

Wenn die Sprache von Ataxie beeinflusst wird, dann klingt sie undeutlich und wird Dysarthrie genannt. Der Schweregrad von Dysarthrie wird auf einer einfachen Skala von 0 bis 4 bewertet (Null für normale Sprache, vier für nicht verständlich).

Armbewegungen

Die fehlende Koordination von Armbewegungen kann bewertet werden, indem man die Person bittet, alternierende Handbewegungen auszuführen. Eine verlangsamte oder unmögliche Ausführung dieser Bewegungen deutet auf Ataxie hin und wird Diadochokinese genannt. Der Schweregrad wird ebenfalls auf einer einfachen Skala bewertet. Die Skalen, die entwickelt wurden, um die Armfunktion zu bewerten, sind auch wertvolle Mittel, um den Schweregrad der fehlenden Koordination zu bewerten.

Haltung und Gang

Um zu bestimmen, inwieweit die Ataxie den Rumpf befallen hat misst man die Fähigkeit einer Person, mit oder ohne Hilfe zu stehen.

Auf ähnliche Weise ist es sinnvoll, die Entfernung und die Geschwindigkeit zu messen, mit der eine Person mit oder ohne Hilfe gehen kann. Diese Messungen deuten allerdings nicht unbedingt auf Ataxie hin, da sie auch auf eine Schwäche der Beine oder auf Taubheit in den Beinen zurückgeführt werden können. Nichtsdestotrotz stellen Tests wie z. B. der „100 Meter Gehen auf Zeit”-Test ein wichtiges Mittel dar, um die Auswirkungen von Ataxie auf die Mobilität und die Fähigkeit der Durchführung alltäglicher Bewegungen zu bewerten.

Zusammenfassung

Die Bewertung von Ataxie und Tremor und deren Schweregrad, aber auch die Bewertung der Auswirkungen dieser Symptome auf das Leben einer Person ist von entscheidender Bedeutung für die Behandlung und sollten prioritär behandelt werden.