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Die Behandlung von Tremor und Ataxie 2015-04-09T15:43:49+00:00

Roger Mills, Abteilung für Neurologie, Queens Medical Centre, Nottingham, Großbritannien

Einführung

Ataxie und Tremor gehören zu den am schwierigsten zu behandelnden Symptomen der MS. Neben Rehabilitation werden meist auch Medikamente eingesetzt. Auch gehirnchirurgische Eingriffe werden unternommen, wenn auch nicht so häufig.

Medikamentöse Behandlung

In den vergangenen 25 Jahren wurden verschiedene Medikamente für die Behandlung von

Tremor und Ataxie entwickelt und eingesetzt. Überraschenderweise wurden nur wenige davon durch randomisierte und kontrollierte klinische Studien getestet, was normalerweise als beste Methode gilt, um die Wirksamkeit einer bestimmten Behandlungsmethode zu bewerten. Das macht die Empfehlung einer bestimmten Art von Behandlung äußerst schwierig.

Nur eines der Medikamente, Isoniazid (auch als INH bekannt), wurde in randomisierten und kontrollierten klinischen Studien bewertet und scheint zumindest einen geringfügigen Einfluss auf den Tremor zu haben. Diese Studien bezogen allerdings nur eine kleine Anzahl an Versuchspersonen ein. Isoniazid wurde bereits 1950 für die Behandlung von Tuberkulosepatienten entwickelt. Es kann Nebenwirkungen haben, die sich evtl. auf Leber und periphere Nerven (die Nervenenden in den Armen und Beinen) auswirken und muss deshalb mit Vitamin B6 (Pyrioxin) eingenommen werden, um dem vorzubeugen. Eine typische Dosis von Isoniazid bei der Behandlung des Tremors beträgt 1.200 mg pro Tag.

Es gibt zwei Medikamente, deren Wirksamkeit bei Tremor und Ataxie in MS-Patienten widerlegt wurde. Das erste ist Cannabis und auf Cannabis basierende Medikamente. Es sind mehrere klinische Studien zur Behandlung verschiedener MS-Symptome mit Cannabis durchgeführt worden, alle Studien ergaben jedoch, dass der Tremor damit nicht gemildert werden konnte. Das zweite Medikament ist Baclofen, das normalerweise für die Behandlung von Spastizität, Spasmen und Krämpfen bei MS eingesetzt wird. Leider scheint es so, als ob die Verbesserung der Spastizität nicht unbedingt auch die Instabilität oder Ataxie verbessert.

Deshalb können wir andere medikamentöse Behandlung leider auch nicht wirklich bewerten; wir sind einfach nicht sicher, wie effektiv sie sind, da wir uns nicht auf adäquat durchgeführte Studien stützen können. Zu diesen Medikamenten zählen Medikamente gegen Epilepsie, wie Levetirazetam, Gabapentin und Carbamazepin. Eine Gruppe von Medikamenten die auch als 5HT3-Antagonisten bekannt sind, darunter Ondansentron und Dolasetron, galten anfangs als sehr vielversprechend, es müssen jedoch erst noch größere Studien durchgeführt werden, um ihre Effektivität zu beweisen. Diese Medikamente werden normalerweise verwendet, um Übelkeit bei Krebspatienten zu bekämpfen und setzen den Serotoninspiegel (ein chemischer Botenstoff im Gehirn) runter. Es gibt eine Reihe von Behandlungen, die bei einem Tremor, der von anderen Bedingungen (vor Allem der essenzielle Tremor) ausgelöst wird, wirksam sind, wie z. B. Betablocker oder sogar Alkohol. Deren Effektivität bei MS-Tremor ist jedoch noch nicht klinisch bewiesen.

Chirurgische Eingriffe

Es gibt zwei Arten von Eingriffen, die bei einem MS- Tremor vorgeschlagen werden. Beide basieren auf einer Veränderung der Aktivität der Nervenzellen im Thalamus, einem bestimmten Bereich im Gehirn. Bei dem einen Eingriff, einer Thalamotomie, wird ein Draht in den Thalamus eingeführt und die Spitze des Drahtes erhitzt (oder eisgekühlt), um die Nervenzellen dort dauerhaft zu zerstören. Bei dem anderen Eingriff handelt es sich um eine Stimulation der tieferliegenden Gehirnschichten. Dabei wird ein Draht in den Thalamus eingeführt, der an einen Schrittmacher angeschlossen ist, der wiederum unter der Haut in der Nähe des Schlüsselbeins eingesetzt wird. Schwachstrom wird durch den Draht geleitet und damit die Nervenzellen kurzfristig blockiert. Die Intensität der Stimulation kann angepasst oder bei Bedarf auch ausgeschaltet werden.

Kurzfristig erweisen sich diese Eingriffe als ausgesprochen effektiv bei der Behandlung des

Tremors. Es gibt jedoch ein paar Nachteile. Zunächst einmal bestehen bei einem Eingriff in das Gehirn potenzielle Risiken wie Gehirnblutungen, Gehirnschlag oder sogar Tod. Zum Zweiten sind sie nur bei bestimmten Tremortypen erfolgreich und eine Person mit MS muss ansonsten auch fit genug sein, um die Operation durchführen lassen zu können. Das bedeutet, dass der Eingriff auf keinen Fall für jeden Patienten mit MS-Tremor in Frage kommt. Drittens kommt es vor, dass die Effekte der Thalamotmie oder der Stimulation tieferliegender Gehirnschichten nach sechs Monaten an Wirksamkeit verliert und sich keine allgemeine Verbesserung des Zustandes der MS-Patienten einstellt. Aus diesem Grund ist es ausgesprochen wichtig, dass sich Patient, Neurologe und Neurochirurg intensiv beraten, ob der chirurgische Eingriff eine sinnvolle Option darstellt oder nicht.

Fazit

Tremor und Ataxie gehören zu den wahrscheinlich behandlungsresistentesten Symptomen der MS, die den Patienten am meisten einschränken. Es gibt bisher wenig Hinweise darauf, dass aktuelle Behandlungsmethoden auf lange Sicht wirksam sind. Das bedeutet nicht, dass keine Hoffnung besteht, dass man eine solche Behandlung nicht finden wird, vor allem, da sowohl neue Medikamente, als auch neue chirurgische Techniken entwickelt und getestet werden und man immer mehr über die Ursachen von Tremor und Ataxie lernt.