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Die Rolle der Rehabilitation auf Tremor und Ataxie bei MS-Patienten 2015-04-09T15:52:57+00:00

Dr Guy Nagels, Abteilung für Neurologie, Nationales MS-Zentrum, Melsbroek, Belgien

Die Bewertung von Tremor und Ataxie bei der Rehabilitation sollte eine Beschreibung der klinischen Symptome, eine Bewertung des Schweregrades des Problems, aber auch eine Beschreibung der Auswirkungen dieser Symptome auf den Alltag der Person mit MS in Bezug auf die Körperpflege, die Durchführung häuslicher Aktivitäten und die Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten umfassen.

Während quantitative Messungen bei der Bewertung im Hinblick auf die Behandlung von Tremor und Ataxie in MS wichtig sind, ist eine statistisch signifikante Veränderung bei einer Messung nicht unbedingt von klinischer Bedeutung für die Person. Auf der Bewertungsskala für den Tremor kann es so zum Beispiel vorkommen, dass sich eine statistische Verbesserung abzeichnet. Das muss sich jedoch nicht unbedingt mit der subjektiven Empfindung des Patienten decken. Aus diesem Grund ist es unbedingt erforderlich, die Auswirkungen von Tremor und Ataxie auf den Alltag der Person zu bewerten.

Es liegen uns noch kaum Studien über die Effizienz von Neurorehabilitation (oder Physiotherapie) bei

Ataxie und Tremor vor. Die meisten Studien wurden mit einer relativ kleinen Anzahl von Personen mit verschiedenen methodologischen Herangehensweisen durchgeführt. Die Cochrane Collaboration (siehe rechts) hat eine Untersuchung der Therapien für Ataxie und Tremor bei MS durchgeführt, die pharmakologische und nicht- pharmakologische Behandlungen einschließt. In die Untersuchung wurden auch drei vergleichende Studien über Neurorehabilitation mit einbezogen. Es wurden keine standardisierten Ergebnismessungen für die Studien verwendet. Obwohl einige Studien vielversprechende Ergebnisse aufzeigten, haben die Autoren auch angegeben, dass nicht genügend Beweise vorliegen, um mit Bestimmtheit sagen zu können, dass die Rehabilitation eine nachhaltige Verbesserung bei Ataxie und Tremor bringt.

Obwohl Physiotherapie nur mit einer kurzfristigen Verbesserung bei Tremor und Ataxie in Verbindung zu bringen ist, die nur selten über einen längeren Zeitraum stabil gehalten werden kann, gibt es dennoch Komponenten der Rehabilitation, die durchaus hilfreich sein können. Die hier beschriebenen Techniken können für einige Personen sehr hilfreich sein, sie heilen aber Tremor und Ataxie nicht vollständig. Ziel dabei ist es, die Symptome mehr unter Kontrolle zu bekommen und so die Funktionsfähigkeit in unterschiedlichen Auswirkungen zu verbessern.

Eine Fixierung mit Schienen und Spangen, die an einem Gelenk angebracht werden, stabilisieren das Gelenk in einer Position. Das reduziert die unwillkürlichen Bewegungen, die durch den Tremor ausgelöst werden. Die Positionierung der Spangen hängt von der Aktion ab, die ausgeführt werden soll. Eine Schiene an Fußgelenk oder dem Fuß sorgt für Stabilität beim Stehen. Am Handgelenk, der Hand oder dem Arm hilft sie beim Essen, Schreiben und anderen, ähnlich gearteten Aufgaben. Die Fixierung kann auch erreicht werden, indem man den Arm verwendet, um das betroffen Körperteil während des Tremors zu halten oder indem man den betroffenen Arm eng an den Körper hält, was oft hilft, eine Kontrolle über die Bewegung zu erzielen.

Eng anliegende Orthesen aus mit LycraTM verstärktem Dehnstoff (Stretch) haben ebenfalls in einigen Fällen zu Verbesserungen geführt. Obwohl es keine spezifischen Beweise im Rahmen der klinischen MS-Studien gibt, geht man davon aus, dass das enge Anliegen Druck auf verschiedene Muskelgruppen ausübt und so die Propriozeption steigert, was wiederum dazu führt, dass man die betroffenen Körperteile besser wahrnimmt. Hierfür sind jedoch weitere Studien erforderlich.

Das Beschweren mit Gewichten basiert auf der Theorie, dass mehr Muskeln eingesetzt werden, um einen weiter entfernten Punkt im Körper zu stabilisieren, wie zum Beispiel die Hände, wenn ein schwereres Objekt verwendet wird. Der entsprechende Körperteil oder das verwendete Objekt selbst, können mit Gewichten belastet werden (einige Personen geben an, dass es einfacher ist, das entsprechende Körperteil zu belasten, andere, das es ihnen leichter fällt, wenn das Objekt belastet wird). Objekte, wie z. B. mit Gewichten versehenes Essbesteck, Tassen und Schreibutensilien, sind im Handel erhältlich. Geräte, die man ohne Hände oder mit der Stimme aktivieren kann, werden ebenfalls angeboten.

Stützen oder Hilfsgeräte können zu Hause oder am Arbeitsplatz eingesetzt werden, um die Durchführung vieler Aktivitäten einfacher und sicherer zu machen. Dazu gehören beispielsweise große Türgriffe und größere Griffe an den Kochutensilien, Reißverschlüsse statt Knöpfen und rutschfeste Unterlagen unter den Tellern. Zweck dieser Hilfsmittel ist es, es der Person weiterhin zu ermöglichen, gewünschte Aktivitäten so selbstständig wie möglich auszuführen.

Zielsetzung

Die Zielsetzung bei der Rehabilitation sollte immer personenspezifisch und auf die Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL – siehe links) ausgerichtet sein. Das Rehabilitationsteam muss, gemeinsam mit dem Patienten und seiner Familie, die Aktivitäten bewerten, die der Patient während des Tages ausführen möchte.

Meist zählen dazu Aktivitäten in Bezug auf die Körperhygiene, Essen, Kommunizieren, z. B. die Benutzung einer Tastatur, der Haushalt, Objekte tragen und bewegen und die Teilnahme an bestimmten Freizeitaktivitäten.

Das Rehabilitationsteam muss herausfinden, welche Prioritäten die entsprechende Person setzt und dafür Sorge tragen, dass die Ziele realistisch und erreichbar sind. Die Ziele sollten aus therapeutischer Hinsicht klar definiert, messbar, realistisch und von der Person als sinnvoll empfunden werden.

Die Cochrane Library ist eine Sammlung von Datenbanken, die qualitativ hochwertige Informationen über Behandlungsmethoden mit nachgewiesener Wirksamkeit enthält, welche die Mediziner bei der Entscheidungsfindung unterstützen. Die so genannte Cochrane Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten, die sich mit einer bestimmten medizinischen Fragestellung befassen. Neben den Cochrane Reviews bietet die Cochrane Library auch weitere Quellen verlässlicher Information, u. A. aus anderen systematischen Untersuchungsreihen, Technology Assessments, wirtschaftliche Untersuchungen und individuelle klinische Berichte – das gesamte Pensum aktueller Studien zu einem speziellen Umfeld.

Aktivitäten des täglichen Lebens

Die Zielsetzung bei der Rehabilitation schwerer Fälle von Tremor und Ataxie-Symptomen bezieht sich unter Umständen auf die grundlegenden Aktivitäten des täglichen Lebens (ATLs), die unter anderem diese Aufgaben umfassen:

  • Baden
  •  An und Auskleiden
  •  Essen
  • Sich vom Bett auf einen Stuhl und zurück zu begeben
  • Kontinenz
  • Die Benutzung der Toilette
  • Gehen (nicht an das Bett gebunden zu sein)

Unterstüzende Aktivitäten des täglichen Lebens sind für das grundlegende Funktionieren nicht erforderlich, erlauben es der Person aber, innerhalb einer Gemeinschaft weitgehend selbstständig zu handeln:

  • Leichte Hausarbeiten
  • Das Zubereiten der Speisen
  • Die Einnahme von Medikamenten
  • Lebensmittel oder Bekleidung einkaufen
  • Das Telefon benutzen
  • Das eigene Geld verwalten

Ergotherapeuten bewerten auch andere Bereiche der ATLs, wenn sie die Bewertung eines Patienten durchführen. Dies umfassen 10 Bereiche der ATLs, die normalerweise optional sind und auch von anderen Rehabilitationsspezialisten oder Medizinern bewertet werden können:

  • Die Betreuung anderer Personen (inkl. die Auswahl und die Überwachung des Pflegepersonals)
  • Die Betreuung von Haustieren
  • Kindererziehung
  • Die Verwendung eines Kommunikationsmittels (zum Beispiel ein Computer)
  • Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln
  • Die Verwaltung der Finanzen
  • Medizinische Behandlungen und Vorsorge
  • Die Zubereitung von Speisen und Aufräumen
  • Sicherheits- und Notfallmaßnahmen
  • Einkäufe erledigen